Sozialen Fragen nehmen in der Arbeit der Experimental Theatre Foundation
eine zentrale Rolle ein, indem sie den Grundsatz: Gesellschaft für das
Theater und Theater für die Gesellschaft umsetzen. Mehr als 50 Stücke hat
die Gruppe bereits auf die Bühne gebracht. Dazu gehören westliche
Theaterwerke ebenso wie klassische und zeitgenössische indische Stücke.
Auch andere Bereiche gewinnen in den Aktivitäten der Gruppe, die ihr
Theater als Medium des Wandels begreifen, zunehmend an Bedeutung.
Dazu gehört das Straßentheater, durch das sie Themen wie Kinderarbeit,
Kinderrechten, Mitgift, Adoption und Kommunalismus unter die Leute
bringen. Als „Theatre of Relevance“ beschreibt die Gruppe ihr
volkstümliches Theater, das traditionelle Kunstformen Indiens - wie Katha,
Kirtan, Loknatya – aufgreift, um die Menschen zu unterhalten, ihnen aber
auch soziale Fragen näher zu bringen. Workshops für Institutionen und
Gruppen, die Theater für die Umsetzung ihrer Ziele einsetzen wollen,
gehören zu den Aktivitäten der Gruppe.
In den
vergangenen drei Jahren hat sich die ETF in der „School Jao Abhiyan“,
Kandivli, Bombay, gegen Kinderarbeit engagiert. Durch Theaterspielen und
die Entwicklung eigener Geschichten sollen arbeitende Kinder motiviert
werden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auch Eltern, Lehrer,
Arbeitgeber und die Bewohner des Stadtteils sind aufgefordert, sich aktiv
gegen Kinderarbeit einzusetzen. Neben dem regulären Schule gibt esdort ein
Zentrum, an dem Kinder und ihre Eltern auf den formalen Schulunterricht
vorbereitet werden, und Horte, die kleinere Kinder vor Kinderarbeit
schützen sollen.
„Während dieser drei Jahre konnten wir mit Hilfe des
Theaters 265 Kinder dazu bewegen, ihre Arbeitsplätze zu verlassen und
wieder in die Schule zu gehen. Durch das Theater hatten die Kinder die
Möglichkeit, sich selbst zu artikulieren, ihr Selbstbewusstsein
zurückzugewinnen und das Gefühl zu bekommen, von der Gesellschaft
akzeptiert zu werden. Über ihre Arbeit wurde in Zeitungen und im Fernsehen
berichtet (und es war immer ihr Traum, einmal im Fernsehen zu sein), sie
hatten Auftritte an verschiedenen Orten und das Gefühl, an einer wichtigen
Aufgabe beteiligt zu sein.“ (ETF)
Selbst ein einziges ist zu viel
Im Jahr 1988 gab die indische Regierung bekannt, dass es in Indien 17,5
Millionen Kinderarbeiter gibt. Fünf Jahre zuvor hatte die
Nichtregierungsorganisation (NGO) Operations Research Group (ORG) aus
Baroda eine Zahl von 44 Millionen genannt; und 1994 sprach das Centre for
Concern for Working Children (CCWC), Bangalore, von 100 Millionen
arbeitenden Kindern. Im Jahr 1996 wird in dem Human Development-Bericht
von UNDP, der auf Zahlen der ILO und UNICEF beruht, festgestellt, dass die
Zahl der Kinderarbeiter wohl irgendwo zwischen 14 und 10 Millionen liegt.
Angesichts des unzulänglichen Volkszählungssystems sind diese Zahlen fast
unwichtig. Die Tatsache bleibt, dass selbst ein Kinderarbeiter schon einer
zu viel ist.
UNICEF sieht nicht jedes arbeitende Kind als Kinderarbeiter an. Die
Organisation definiert einen Kinderarbeiter als ein Kind, das durch Arbeit
ausgebeutet und zur Arbeit gezwungen wird, dessen Lebensqualität durch
Arbeit leidet, das keine Ausbildung genießt, keine Freizeit hat und
emotionale und sonstige Defizite aufweist.
Indien verfügt über eine große Armee von Kinderarbeitern, viele von ihnen
sind in risikoreichen Industriezweigen beschäftigt. NGOs vertreten die
Auffassung, dass sich die von der Regierung genannten Zahlen vermutlich
nur auf Kinder in diesen Industriezweigen beziehen.
Vor kurzem hat die indische Regierung Kinderarbeit in risikoreichen
Industriezweigen völlig untersagt und hat ein Zuwiderhandeln mit strengen
Strafen belegt.
Die schlimmsten Fälle gefahrvoller Kinderarbeit fanden sich in der
Streichholz- und Feuerwerksindustrie von Sivakasi in Karnataka. Kinder
werden oft als Bauarbeiter, Hausgehilfen, in Restaurants, als Kulis
(Träger), Landarbeiter, in Mienen, im Verkauf, beim Lumpensammeln oder
sonstigen Straßenarbeiten und in zunehmendem Maße auch im Sexgewerbe
beschäftigt. Die Liste der Formen von Ausbeutung ließe sich endlos
fortsetzen.
In dem Stück „Meine Kindheit” werden auch verschiedene Probleme
angesprochen, denen sich die Kinder bei der Arbeit gegenüber sehen, z.B.
die lange Arbeitszeit und Gefahren für die Gesundheit. Wie wird aus einem
normalen Kind ein Kinderarbeiter? Es fehlt eine bestimmende Vaterfigur im
Haus, oder die Vaterfigur weigert sich, Verantwortung zu überneh-men. Der
Anblick von Männern, die Tabak kauen oder Bidis rauchen, ihre Frauen
schlagen und auf der Straße Karten spielen,ist keineswegs ungewöhnlich.
Kinderarbeiter sind billig. Deshalb bevorzugen sogar Fabrikbesitzer
Kinderarbeiter, um Kosten zu sparen. Kinder sind nicht nur ehrlich, sie
wagen auch das Fehlverhalten eines Vorgesetzten nicht in Frage zu stellen.
In einer großen Familie gibt es automatisch Kinder, die keine Schule
besuchen, denn der älteste Sohn oder die älteste Tochter muss auf
seine/ihre Ausbildung verzichten, um zu Hause mitzuhelfen.
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