Kathmandu, Nepal
Maiti Nepal

Ein erschreckendes Problem in Nepal ist der grausame Handel mit einheimischen Mädchen. Obwohl es keine offiziellen Statistiken darüber gibt, werden Schätzungen von Hilfsorganisationen zufolge jedes Jahr allein 5.000 bis 7.000 Mädchen
in indische Bordelle entführt und zur Prostitution gezwungen. Mehr als 20% dieser Mädchen sind unter 16 Jahren, wobei die Nachfrage nach minderjährigen Mädchen beständig steigt. Schon 8- bis 12jährige werden nach Indien zur Prostitution verschleppt. Zur Zeit sollen in indischen Bordellen um die 200.000 Nepalesinnen unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten werden. Sie werden gefoltert, vergewaltigt und mit Drogen gefügig gemacht. Viele von ihnen sterben, da auch die Zahl der Infektionen an HIV/AIDS, Hepatitis, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten erschreckend hoch ist.'
Die Mädchen werden erst dann aus den Bordellen entlassen, wenn sie entweder infiziert sind oder zu verbraucht, um noch Männer anzuziehen.

In einem Land, in dem 45% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, in dem nur 40% der Menschen lesen und schreiben können und das nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, ist der Mädchenhandel zu einem lukrativen Geschäft geworden. 80.000 – 100.000 Rupees, umgerechnet 1.200 – 1.500 Euro werden je nach Aussehen und Alter für eine junge Nepalesin bezahlt.

Dass ausgerechnet in Nepal so viele Mädchen gehandelt und verschleppt werden, ist zum Teil auch auf die nepalesische Kultur zurückzuführen, die Söhne als einen Segen für die Zukunft betrachtet, während Mädchen dazu bestimmt sind, verheiratet zu werden und die Familie zu verlassen. Es macht für die Familien deshalb wenig Sinn, in die Bildung für ihre Mädchen zu investieren. Die Mädchen wachsen also mehr oder weniger von der Außenwelt isoliert und unwissend auf. Menschenhändler und Zuhälter nutzen die Unwissenheit und das Bedürfnis nach Freiheit der Mädchen aus. Sie versprechen ihnen Arbeit und eine bessere Zukunft außerhalb Nepals und verkaufen sie an der indischen Grenze an Zuhälter.

Maiti Nepal kümmert sich um die Mädchen, die aus den Bordellen und Fabriken gerettet werden konnten. Als einheimische Hilfsorganisation wurde sie 1993 unter der Leitung Anuradha Koiralas von einer sozial engagierten Gruppe aus Lehrern, Journalisten und Sozialarbeitern in Kathmandu gegründet, um das Übel des Menschenhandels in Nepal zu bekämpfen. Das Wort Maiti beschreibt die Familie eines Mädchens, in die sie hinein geboren wurde. Dieses Wort hat einen besonderen emotionalen Wert für nepalesische Mädchen, da sie, einmal verheiratet, für immer der Familie ihres Mannes angehören. Maiti Nepal soll eine Familie und ein Zuhause für alle Mädchen sein, die gehandelt und/oder ausgebeutet wurden.

Die Arbeit von Maiti Nepal zielt insbesondere darauf, Mädchen- und Kinderhandel durch Prävention vorzubeugen, sowie Mädchen und Kinder, die bereits dem Menschenhandel zum Opfer gefallen sind, zu retten, sie soweit es möglich ist zu rehabilitieren und ihnen eine zweite Chance im Leben zu eröffnen. Maiti Nepal kämpft für Gerechtigkeit für die Opfer indem sie sich als Anwalt der Betroffenen versteht und ihnen Rechtsbeistand gibt.

Im Hauptsitz der Organisation in Kathmandu, dem sogenannten „Rehabilitation Home" werden die Mädchen aufgenommen, medizinisch versorgt und psychologisch betreut. Mädchen, die ihre Familien wiedersehen wollen, wird geholfen, diese zu finden und wieder mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Mädchen, die jedoch nicht zu ihren Familien zurückkehren wollen oder können, weil sie zum Beispiel von dieser geächtet und stigmatisiert werden, bleiben im „Rehabilitation Home" und erhalten eine Ausbildung in praktischen Tätigkeiten wie z.B. im Nähen, im Färben von Stoffen, im Weben von Teppichen, im Gemüseanbau, usw., die sie dazu befähigen sollen, sich selbständig ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Maiti Nepal vergibt auch kleine Darlehen, mit deren Hilfe die Frauen sich eine eigene Existenz, wie z.B. einen kleinen Laden, aufbauen können. Es wird versucht, den Mädchen und auch ihren Kindern die bestmöglichen Chancen für die Zukunft zu eröffnen.

Da es sehr schwierig gewesen wäre, alle Kinder in Privatschulen unterzubringen, eröffnete Maiti Nepal eine eigene Schule mit dem Namen „Teresa Academy" für 350 Schüler und Schülerinnen.

Maiti Nepal bringt das Thema Mädchen- und Kinderhandel an die Öffentlichkeit indem sie Aufklärungs- und Informationskampagnen organisiert und Workshops zu den Themen Mädchenhandel, Kinderprostitution und AIDS anbietet.
Sie leistet Prävention, indem sie Aufklärungsarbeit sowohl bei den Mädchen und Frauen selbst leistet, als auch in den Familien, die häufig nicht wissen oder ignorieren, dass sie ihre Töchter grausamen Menschenhändlern anvertrauen. Die Prävention richtet sich insbesondere an Mädchen aus armen ländlichen Familien im Alter zwischen 11 und 14 Jahren, die am meisten vom Menschenhandel gefährdet sind. Hierzu betreibt Maiti Nepal Informations- und Ausbildungszentren („Prevention Camps").

Ein wichtiger Bestandteil der Aufklärungsarbeit sind die Lieder, die die Mädchen von Maiti Nepal selbst schreiben und singen. Hier erzählen sie von ihren traurigen Erlebnissen und warnen andere Mädchen vor den Gefahren des Menschenhandels. Diese Lieder sprechen auch diejenigen Mädchen und Frauen an, die nicht lesen können.
Maiti Nepal arbeitet in Kooperation mit der nepalesischen Grenzpolizei und der indischen Regierung, um die Mädchen aus den Bordellen zu befreien und die Mädchenhändler zu identifizieren und festzunehmen. Oft wird durch diese Zusammenarbeit auch die Verschleppung von Mädchen verhindert.

An den wichtigsten Grenzübergängen zu Indien hat Maiti Nepal Grenzkontrollstationen, sogenannte „Transit Homes" errichtet. Diese dienen der Aufnahme von Mädchen, die aus den Bordellen zurückkehren oder gerettet werden konnten. Hier werden sie für drei Monate untergebracht, medizinisch versorgt und es wird versucht, ihre Familien ausfindig zu machen. Wenn Mädchen nicht zu ihren Familie zurückkehren wollen oder die Gefahr besteht, dass diese sie wieder verkaufen, bietet Maii Nepal ihnen ein neues Zuhause.
Mitarbeiter der „Transit Homes" kontrollieren auch zusammen mit der Grenzpolizei die Grenzen, um potentielle Opfer zu identifizieren. Pro Tag werden an jedem der zehn von Maiti Nepal kontrollierten Grenzübergängen im Durchschnitt ein oder zwei Mädchen vor der Verschleppung bewahrt.

Inzwischen gibt es bei Maiti in Kathmandu auch ein Hospiz, in dem Mädchen untergebracht werden, die mit schweren Krankheiten wie z.B. AIDS aus den indischen Bordellen zurückkehren und keine lange Lebenserwartung mehr haben. Hier werden sie medizinisch versorgt und liebevoll betreut.

1999 hat Maiti Nepal das erste „Rescue Center" in Mumbai, Indien, eröffnet. Hier werden die nepalesischen Mädchen nach ihrer Befreiung aus den indischen Bordellen bis zu ihrer Rückführung nach Nepal sicher untergebracht. Sämtliche Rettungs- und Rückführungsaktionen werden von hier aus geplant und durchgeführt. Der Aufbau weiterer „Rescue Center" in Delhi und Kalkutta ist geplant. Für ihre neunjährige erfolgreiche Arbeit bekam Maiti Nepal am 15. April 2002 den „International Children Award" verliehen.
Die Mitarbeiterin von Maiti Nepal, Bobita Lama, die selbst verschleppt und von Maiti Nepal befreit wurde, erhielt den „Reebok Human Rights Award 2002" als Auszeichnung für den bedingungslosen Kampf gegen Menschenverschleppung und Kinderprostitution