| Gewalt und Kriminalität als Herausforderung für die entwicklungspolitische Zusammenarbeit von terre des hommes in Kolumbien |
| Einleitung |
Kolumbien ist ein Beispiel dafür, daß sich Gewalt und bewaffnete Konflikte nicht mehr nur in ihrer "klassischen Form" als Krieg, Bürgerkrieg oder Verbrechen beschreiben lassen. Eine klare Trennungslinie zwischen kriegerischen Konflikten und Gewaltkriminalität ist nicht mehr zu ziehen. Legale und illegale Strukturen sind kaum mehr zu unterscheiden. Der seit 50 Jahren schwelende Bürgerkrieg, in den letzten 15 Jahren verstärkt durch Wirtschaftskrise, Drogenmafia und Deregulierung, hat eine neue Qualität erreicht. Durch Gemeinschaft oder Markt regulierte Prozesse und staatliches Gewaltmonopol sind privaten, gewaltbestimmten Aktionen gewichen.
| Soziale Ungleichheit plus Gewalt = Kolumbien |
Für diese Entwicklung lassen sich v.a. zwei Ursachen fest machen: die extreme
soziale Ungleichheit auf dem Land und eine etablierte, unkontrollierte Gewalt.
80% des Bodens konzentrieren sich in den Händen von nur 5% der Besitzer und die
10% der Ärmsten verfügen über nur 1,3% der Einkommen (10% Reiche verfügen
dahingegen über 39,5%). Diese Situation hat in den 50er Jahren zum Ausbruch
eines "latenten Bürgerkriegs" geführt, der bis 1963 über 300.000 Kleinbauern,
Gewerkschafter und Sozialaktivisten das Leben kostete. Zwei Millionen Menschen
wurden aus ihrer Heimat vertrieben und besiedelten die randstädtischen
Elendsviertel der Großstädte. Während der als La Violencia bezeichneten 50er und
60er Jahre entstanden auch jene bewaffneten, zivilen Todesschwadrone, die im
Auftrag von Großgrundbesitzern und Militärs mordeten. Auf der anderen Seite
gründeten sich ab 1964 mehrere Guerillaorganisationen, wie FARC, ELN , EPL und
M-19.
Wahlfälschungen, die Unmöglichkeit auf zivile und legale Weise zu Recht
und Einfluß zu kommen führten zu sich ausweitenden sozialen Konflikten und
kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit 45 Jahren wird Kolumbien de facto unter
Ausnahmezustand regiert.
Eine neuerliche Eskalation der Gewalt setzte 1983 ein, als das herrschende
Junktim aus Großgrundbesitzern, Militärs und korrupten Politikern, die
Paramilitärs kreierten. Im Sinne einer außerlegalen, terroristischen, aber
staatlich koordinierten Waffe, werden sie zur Beseitigung kritischer Stimmen
gezielt eingesetzt. Amnesty international schätzt, daß Paramilitärs in den
letzten 10 Jahren 20.000 Menschen "aus politischen Erwägungen" ermordeten. Ein
Mehrfaches dessen, was auf das Konto der Guerilla geht. Insbesondere in den
Jahren 1987 bis 1990 gesellte sich zu diesem Repressionsinstrument noch eine
Welle terroristischer Anschläge der Drogenmafia. Ziel der Bombenanschläge war
die Einschüchterung des Justizapparates und der Medien.
Das Zusammenwirken
dieser verschiedenen gewalttätigen Akteure führt dazu, daß Kolumbien heute
unregierbar ist. In wenigstens zweidrittel des Landes ist der Einfluß der
Guerilla oder Paramilitärs stärker als die staatliche Präsenz.
Bei Menschenrechtsorganisationen gehen nahezu täglich Hilferufe zur Aufklärung von gewaltsamen Entführungen und Ermordungen ein. Gezielt werden in den letzten Monaten bekannte Menschenrechtsverteidiger/innen "von Unbekannten" ermordet. Alle internationalen Proteste und Aufforderungen an den kolumbianischen Präsidenten, die Bundesregierung und EU, zeigen keine Wirkung. Von Präsident Samper immer wieder mal angekündigte Friedensinitiativen verlaufen im Sande. "Wer will Frieden in Kolumbien?", fragt die FAZ am 22.7.97 und kommt zu dem Ergebnis, das von keiner der Konfliktparteien derzeit ehrliche Absichten zu erwarten sind. Der Terror geht also weiter: Im Juni werden zwei terre des hommes-Projektpartnerinnen über mehrere Tage "von drei Männern in Jeeps mit abgedunkelten Scheiben und ohne amtliches Kennzeichen" verfolgt, bedroht und telefonisch aufgefordert ihre Menschenrechtsarbeit ein zu stellen. Angesichts dieser Drohungen müssen sie sich im Ausland in Sicherheit bringen. Drei Wochen später tauchen im Armenviertel "Popular Uno" in Medellin Flugblätter der "Revolutionären Milizen" auf, denunzieren die hier tätigen NRO als "Staatsbüttel" und fordern sie auf ihre "konterrevolutionäre Sozialarbeit" zu beenden. Am gleichen Tag werden Domingo Santos Córdoba und Ricardo Hernández Garcia, Projektpartner der Bauernorganisation ACIA, von Paramilitärs entführt, gefoltert und ermordet. Zwei von 57 Menschen die an diesem Tag im Juli 1997 in Kolumbien gewaltsam zu Tode kommen.
Mit 80 Toten pro 100.000 Einwohner ist Kolumbien heute das unsicherste und gewalttätigste Land der Erde (zum Vergleich: in Deutschland sind es 4/100.000). Die Zahl der Opfer dieser ausufernden Gewalt steigt von 16.000 im Jahr 1986 auf 26.000 im Jahr 1996. Jeden zweiten Tag "verschwindet" ein Mensch aus "politischen Gründen".
| Zwei Zeugnisse der Gewalt |
"Während der Bombardierung eines Dorfes am Magdalena Medio durch die Armee,
wurde das Boot wurde einer jungen Familie von Maschinengewehrsalven
durchlöchert. Die verletzte Frau erhielt von einem Soldaten den Gnadenschuß, im
Beisein der 5 minderjährigen Kinder (18 Monate bis 13 Jahre alt). Ein
neunjähriges Mädchen wurde schwer am Kopf verletzt. Die älteste ging danach zur
Guerilla und fiel zwei Jahre später in einem Gefecht. Ihr ältester Bruder
ertrank im Fluß, der dritte wurde von seinem akoholkranken Vater und seiner
Stiefmutter aus dem Haus geschmissen. Die jüngste, inzwischen 7 Jahre alte
Tochter, wird vom Vater zur Prostitution gezwungen. Die inzwischen 16-Jährige,
die am Kopf verletzt wurde, arbeitet unter der Obhut einer befreundeten
Familie."
Durch den völlig ungerechtfertigten Angriff ist eine ganze Familie
zerstört worden.
Ein anderes Beispiel ist Pilar, sie kam mit 13 zur Guerilla und schied mit 20
Jahren aus.
"Als ich schon 5 Jahre bei der Guerilla war wurde ich durch eine
Gewehrgranate schwer am Kopf verletzt. Yaneth (22) starb nach zwei Tagen, wir
begruben sie. Arley (24) behielt ein gelähmtes Bein und wurde nach Hause
geschickt. Es war das zweite mal, dass ich richtig ärztlich behandelt werden
mußte, beim erstenmal hatte ich Malaria, das haben sehr viele in der Guerilla.
Zum Glück haben wir in den größeren Lagern befreundete Ärzte und alle nötigen
Medikamente. Während meiner Zeit bei der Guerilla lernte ich alle denkbaren
Waffen kennen und zu bedienen: Pistole, AK-47, Galil, Uzzi, M-16, R-15, Ingram,
357, Revolver, ....Die Waffe ist dein Leben, deine Mama, heißt es bei uns.
Konnte man im Gefecht die Waffe eines gefallenen Soldaten erobern, durfte man
sie behalten. Damit stieg man in der Hierarchie. Ich war zuletzt Kommandantin
eines Trupps von 12 Leuten. Aber wir waren alle gleichgestellt, alle mußten
Wache schieben kochen, Hinterhalte aufbauen, Spitzel liquidieren und an
Gefechten teilnehmen. Wieviele ich umgelegt habe möchte ich nicht sagen, aber es
geschah meistens zu meiner Verteidigung. In der Guerilla wird nicht körperlich
gefoltert, psychisch schon. Einige gefangengenommene Polizisten, Soldaten oder
Paras wurden auch nach Verhör erschossen. Wird man verletzt, schickt einen die
Guerilla nach Hause und versorgt einen mit Geld. Ich erinnere mich an etwa 20
tote Guerilleros, die ich in der Zeit sah, an zwei Selbstmorde und 5
Erschießungen wegen Fahnenflucht. In all den Jahren haben ich keinen Menschen
eines natürlichen Todes sterben sehen. Ist man schwanger, bleibt man bis zum 4.
Monat, dann wird man nach Hause geschickt und 3 Monate nach der Geburt muß man
wieder antreten, sonst holten sie dich. Das Kind bleibt bei den Großeltern oder
anderen Verwandten. In den kämpfenden Einheiten der Guerilla gibt es niemand
unter 14 Jahren, bei den Hilfstruppen schon und in den Milizen in der Stadt
auch. Da sieht man schon 10-Jährige. Ich bin froh, daß es für mich jetzt vorbei
ist. Inzwischen habe ich zwei Kinder und will einfach nur noch in Ruhe
leben."
(Ministerio Público/Defensoría del Pueblo: El conflicto armado..., Bogotá, 1996)
| Strukturelle Gewalt verändert die Alltagskultur der Menschen |
Die Violencia, ausgelöst durch eine Kette sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ursachen, hat im Verlauf zweier Generationen zu Veränderungen in der Werteskala der Menschen geführt. Bis auf die Ebene der Familie greift eine Kultur der Gewalt um sich. Mißhandlung, sexueller Mißbrauch und Inzest führen dazu, daß Agressivität regulierenden Rituale an Effizienz verlieren. Traditionelle Familienstrukturen und Lernsysteme lösen sich auf. Die Vertreibung führt dazu, daß Gemeinde und Nachbarschaft ihre Rolle als sozialer Stabilitätsfaktor und Regulativ verliert. Als Resultat alltäglicher Erfahrung sozialer, gewaltsam ausgetragener Konflikte, lässt sich ein Verfall sozialer, ethischer Werte wie Respekt, Toleranz, Dialogbereitschaft, Gewaltfreiheit etc. feststellen. Wozu reden, wenn sich Bedürfnisse schneller und leichter qua Gewalt befriedigen lassen? Die moralische Krise der kolumbianischen Gesellschaft äußert sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen, von der Partnerbeziehung bis zur Politik, in wachsender Gewaltbereitschaft. Respekt und soziale Bindungen spielen in einer nach schneller materieller Bereicherung ausgerichteten Gesellschaft und angesichts einer "sich ausleben, solange man noch lebt"- Mentalität keine Rolle mehr.
"Vielleicht bin ich morgen schon tot...." bringt es der 17-jährige kolumbianische Rapper Ever in einem seiner Songs auf den Punkt.
| Plata o plomo |
Wird Gewalt zum bestimmenden Faktor in der Politik, schlägt sich dies über kurz oder lang auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen nieder und fördert verschiedene Formen gesellschaftlicher Gewalt.
Die innerfamiliare Gewalt
Machismo, Gleichgültigkeit,
kulturelle und soziale Entwurzelung (aufgrund der Vertreibung) und das Vorbild
alltäglicher Gewalt und Korruptheit, führen zu mehr Gewalt in der Familie: Frau
und Kinder werden regelmäßig geschlagen und vergewaltigt, Väter wechseln häufig
die Beziehungen und verlassen ihre Familie(n). Kinder sind die ewigen Schläge
leid und gehen auf die Straße, formieren ihre eigenen Schutzgemeinschaften und
Jugendbanden.
Die alltägliche soziale Gewalt
Die ausbeuterischen, rechtlosen
Arbeitsbeziehungen, die Zankereien in der Nachbarschaft, die Wortgefechte
zwischen Taxifahrern, organisiertes Verbrechen, der Überfall eines Kiosk, all
das sind alltägliche Äußerungen der extrem hohen Agressivität und
Gewaltbereitschaft. 85% der Toten sind Opfer sozialer Gewalt, am Rande der
politischen Gewalt. Es sind Gewaltartikulationen einer gemäß dem "Recht des
Stärkeren" organisierten Gesellschaft. Diese Gewalt ist städtisch und betrifft
in starkem Maße Frauen und Kinder, Bedürftige und Wehrlose. Aber sie betrifft
v.a. auch die Jugendlichen: als Opfer wie als Täter.
Zunehmend brutaler
werdende Fußballfans (barras bravas), die Herausbildung von Straßen- und
Stadtteilgangs die sich die Territorien streitig machen und auch die von kleinen
Aufträgen, Diebstahl und Drogen lebende Straßenkinder, gehören dazu.
Die durch den militärischen Konflikt verursachte
Gewalt
"Lediglich" 14% der direkten Gewaltopfer in Kolumbien
resultieren aus dem politisch-militärischen Konflikt zwischen Guerillas,
Paramilitärs und staatlichen Kräften. Bewaffnete Zusammenstöße, Liquidierung
politisch Andersdenkender oder "Neutraler", Zwangsrekrutierung von Jugendlichen,
Vergewaltigung von Frauen und Mädchen, Entführung und Erpressung von Lösegeld,
sind einige, der immer brutaler werdenden Formen der Mißachtung der
Menschenrechte. Die über die direkt Betroffenen hinausgehenden Auswirkungen
dieses Konfliktes sollten allerdings nicht unterschätzt werden. Häufig sind sie
auslösender Faktor für andere Formen sozialer Gewalt. Die etwa 1 Millionen
Vertriebenen der letzten 10 Jahre, Opfer der politisch-militärischen Gewalt auf
dem Lande, stellen eine breite Basis für gewalttätige Aktionen in den Städten
dar. Die in Milizen und Jugendbanden organisierten Jugendlichen sind häufig
Träger traumatischer Erfahrungen wie der Ermordung Familienangehöriger, der
Vertreibung oder Zwangsumsiedlung. Sie haben Werte wie den Respekt vor dem Leben
nie erfahren, also warum das Leben anderer schützen, wenn mein eigenes jede
Minute beendet werden kann?
| Kinder im bewaffneten Konflikt |
Nach Auskunft einer Studie von 1996 sind etwa 15% der Mitglieder der im
ländlichen Raum operierenden Guerillaeinheiten Minderjährige (unter 18 Jahren),
während es bei den städtischen Milizen 70% sein dürften. Während bei der
Landguerilla der Großteil der unter 16-Jährigen zu logistischen und zur
Informationsbeschaffung eingesetzt wird (allerdings auch bei der Herstellung und
Auslegung von Minen), besitzen die Mitglieder der Milizen alle Feuerwaffen und
benutzen diese auch. 12 oder 13-jährige mit Handfeuerwaffen sind keine
Seltenheit. Gründe warum gerne Kinder eingesetzt werden sind: sie seien leichter
manipulierbar, würden nach Festnahme i.d.R. bald wieder freigelassen und sind
agiler bei Spionage- oder logistischen Aufgaben.
Motive der Kinder warum sie
bei bewaffneten Organisationen mitmachen wollen (nur 15% sagen, sie seien
zwangsrekrutiert worden) sind: Revolution/Konterrevolution machen erscheint
ihnen "geil", setzt Rambo- und Allmachtsphantasien frei, das Agieren in der
bewaffneten Gruppe vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Verantwortung (eine
Waffe tragen, andere anführen), gibt ihnen Identität und Status ("in unserem
Viertel alle bewaffnet rumlaufen, war es für mich völlig normal auch so schnell
wie möglich eine Gruppe zu suchen, die mich bewaffnet"), und, weil sie sonst
keine andere Lebens-/Arbeitsperspektive hatten, "man verdient gut" (v.a. bei den
Paras bis zum dreifachen Mindestlohn), oder einfach um "von den Alten"
wegzukommen (v.a. in der Stadt ein Argument). Nur ein Drittel der Kämpfer
verbindet mit dem Krieg den Kampf für "Ideale", der Rest ist illusionslos: "ist
mir eh egal, hat ja doch alles keinen Sinn, lohnt sich nicht" sind gängige
Antworten. Man macht trotzdem mit, weil es keine andere, qualitativ bessere
Alternative gibt. Die Kommandostruktur und autoritäre Hierarchie verhindert die
Entwicklung eigener Meinungen und Verantwortlichkeiten.
Ein Sonderproblem
sind die in der Guerilla geborenen Kinder, viele von ihnen ohne Geburtsurkunde,
"adoptiert" (weil ihre Eltern gefallen sind oder sie nicht wollen) oder bis zum
13. Lebensjahr in Heimen oder bei Verwandten untergebracht, mit der Vorstellung,
daß sie dann ebenfalls in die Guerilla eintreten. Während die ELN den Wunsch
nach Rückzug aus der Guerilla im Fall von Minderjährigen zu respektieren
scheint, lehnt die FARC dies ab. Es sollen mehrere Kinder wegen Desertierung
erschossen worden sein. Desertierte oder gefangengenommene Kinder werden von den
Militärs unter Drohungen oder falschen Versprechungen (hohe Geldversprechungen)
festgehalten und in der Konterguerilla eingesetzt.
Im Fall der Paramilitärs
ist der Anteil Minderjähriger mit bis zu 50% wesentlich höher als bei der
Guerilla. Auch scheinen Zwangsrekrutierungen üblich zu sein. Der obligatorische
"Wehrdienst" dauert 2 Jahre und jede Familie muß mindestens ein Kind (z.T. schon
ab 9 Jahre) bereitstellen.
Im Zusammenhang mit den staatlichen
Sicherheitskräften ist die Ausbildung und der Einsatz der "unter 18-jährigen
Schulabgänger" (bachilleres) der offensichtlichste Verstoß gegen nationale
Bestimmungen. Obwohl das kolombianische Gesetz (und auch die
Kinderrechtskonvention) den militärischen Einsatz von "über 15-Jährigen" als
Ausnahme zulässt, behaupten viele der Betroffenen, dass sie gegen ihren Willen
kaserniert wurden. 1995 wurden 63% der bachilleres eingezogen.
Staat und
Armee fördern eine militaristische Kultur durch speziell an Kinder und
Jugendliche gerichtete Programme wie "Stahlkinder", "Kleine Carabineros" oder
"Soldat für ein Tag". Ebenfalls gibt es Kadettenschulen über die so gut wie
nichts bekannt ist.
(Ministerio Público/Defensoria del Pueblo: El conflicto armado en Colombia y los menores de edad, Boletín No.2, Santafé de Bogotá, 1996 und )
Die kriminelle Gewalt
Auch wenn es kaum möglich ist die soziale
von der "rein" kriminellen Gewalt zu unterscheiden, soll zumindest auf die
Existenz gewaltsam agierender Banden hingewiesen werden. Oft wurden sie vom
Drogenhandel gegründet oder stehen mit ihm in Verbindung. Diese Gruppen morden
nicht nur im Auftrag und für ein paar Dollar (sicarios), sondern dealen,
vergewaltigen, entführen und erpressen ("Schutzgelder") auch.
In den
Wohnvierteln, im Zentrum und an den Schulen agieren unterschiedliche pandillas.
Neuste Einnahmequelle ist die aus Lima importierte "Gelegensheitsentführung"
(secuestro al paso), wobei das i.d.R. zufällig ausgewählte, gut gekleidete Opfer
unter Waffengewalt gezwungen wird mit seiner Kreditkarte einen höheren Betrag an
der Automatenkasse abzuheben, um wieder frei gelassen zu werden.
Im Fall Kolumbiens handelt es sich um einen über Jahrzehnte gewachsenen, nahezu alle sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Sektoren durchdringenden Konflikt der unterschiedlichste Formen alltäglicher, sozialer wie politischer Gewalt hervorgerufen hat. Der Staat nimmt Partei in diesem Konflikt. Er kommt seinen verfassungsmäßigen, schützenden Pflichten gegenüber den Opfern dieser Politik nicht nach. Rechtsunsicherheit, Korruption und Straflosigkeit charakterisieren den Rechtsalltag. 95% aller Straftaten bleiben ungesühnt.
| Veränderungen in der
entwicklungspolitischen Zusammenarbeit mit Kolumbien |
Angesichts derartiger Rahmenbedingungen stößt die normale
entwicklungspolitische Arbeit, die Unterstützung von sozialen Projekten
zugunsten benachteiligter Gruppen, - im Fall von terre des hommes v.a. von
Kindern und Jugendlichen- an ihre Grenzen. Wo ein Mindestmaß an menschlichem
Umgang und Regeln nicht mehr gilt, finden Respekt und Toleranz keinen leichten
Nährboden.
Terre des hommes finanziert seit Anfang der 70er Jahre Projekte
für Straßenkinder, indianische Organisationen und Frauengruppen in Kolumbien.
Vereinzelt auch "klassische" Menschenrechtsprojekte, wo es um die Rechtshilfe
für Gewaltopfer oder vertriebene Familien geht. Ende der 80er Jahre ändert sich
dieses Bild. In den Projektanträgern wird immer deutlicher auf die sozialen
Konsequenzen permanenter Menschenrechtsverletzungen und struktureller Gewalt
eingegangen: Wie sie das Zusammenleben der Menschen verändert, neue Probleme und
Bedürfnisse schafft. Es stellte sich beipielsweise heraus, daß ein Großteil der
arbeitenden und auf der Straße lebenden Kinder aus vertriebenen Familien stammt.
Ihre Bedürfnisse sind nicht nur Unterkunft oder (Aus-)Bildung, sondern auch
psychosoziale Betreuung, Therapie und Aufarbeitung gewalttraumatischer
Erlebnisse. Über 80% der Flüchtlinge sind Kinder und Frauen, viele haben die
Ermordung nahestehender Menschen mit ansehen müssen oder haben als
"Kindersoldaten" auf einer der Seiten mit gekämpft. Sie haben nicht nur
sämtlichen Besitz verloren, sondern auch ihre Verwandten, Freunde und Nachbarn.
Niemand kümmerte sich hierum. Geld für die private, professionelle
psychologische Beratung war und ist bis heute nicht da. Terre des hommes
unterstützt deshalb seit ein paar Jahren die pädagogisch-psychologische
Ausbildung von Erwachsenen, um hierauf ein zu gehen und nach adäquaten Methoden
im Rahmen der Gemeindearbeit zu suchen. Versucht wird eine Kombination aus
psychischer Betreuung, Wiederaufbau des Selbstwertgefühls, praktischer
Überlebenshilfe mittels Einkommen schaffender Maßnahmen und der Aufbau von
Selbsthilfegruppen. Derzeit begleitet terre des hommes sechs Projekte die direkt
mit den Konsequenzen des internen bewaffneten Konflikts zu tun haben, sowohl in
Ursprungsregionen wie dem Chocó, als auch in Zielorten der vertriebenen
Bevölkerung, wie Bogotá.
| Jugend für den Frieden |
Von dem 1990 in Bucaramanga stattfindenden ersten nationalen Treffen der
Jugendgruppen gingen starke Impulse in Richtung einer organisierten Artikulation
der Gewalt überdrüssiger Jugendlicher aus. Die Erkenntnis, daß man keineswegs
allein, wenn auch noch viel zu vereinzelt, nach Auswegen aus der Gewaltspirale
suchte, dynamisierte die Enstehung und den Zusammenschluß vieler kleiner
Einzelinitiativen.
"Als wir damals anfingen Rap zu tanzen, waren wir fünf.
Der Film "Beat Street" hatte uns darauf gebracht. Jorge, ich und die drei
anderen - Alex, Monorhytmus und Giovanni -begannen zu trainieren. Wir nannten
uns Don't trust anyone. Alex war ein Künstler, er spielte Gitarre, sang und
komponierte Lieder. Aber vor zweieinhalb Jahren haben sie ihn umgebracht. Ich
glaube, wir machten weiter, weil wir überzeugt waren, daß das unsere Aufgabe
ist. Dann töteten sie Giovanni und kurze Zeit später Monorhytmus. Ich sage dir,
das ist grausam. Heute tanzt du noch mit deinem Freund und morgen ist er tot.
Klar, ein paar Mal dachten wir daran auf zu hören, aber was wird dann aus uns?
Das ist keine Lösung. Wir müssen weiter machen. Wir und andere auch. Wir müssen
uns organisieren und sagen: Schluß mit der Gewalt, wir wollen leben!" (Anderson,
18 Jahre, Rapper aus Medellin)
Andersons Gruppe ist eine von mittlerweile über 40 Jugendgruppen die sich im "Jugendnetzwerk Medellin" gegen das Projekt des Todes und für eine neue Kultur des Friedens und gegenseitigen Respekts zusammen geschlossen haben. Als Zusammenschluß bringen sie ihre Vorschläge zur Entwaffnung der Jugendbanden, zum Aufbau konfliktfreier Zonen oder gemeinsame Aktionen zur Verbesserung des sozialen Klimas in den Armenvierteln ein. Mit Straßenumzügen, Musikkonzerten und Sportwettkämpfen zeigen sie, daß ihre Lebensfreude ungebrochen und Hoffnung möglich ist.
Lied "Wie man verändern kann" der Rapgruppe Don't trust anyone
:
Der Präsident will keine Verbesserung, das einzige was er will,
sind Berge von Geld. Und diese Gesellschaft wird uns umbringen, jeder Einzelne
von uns muß sie verändern. Fragen wir uns wo es langgeht: Wir Jugendliche
bringen uns in den Straßen für ein bischen Geld um, das uns nicht im geringsten
weiter hilft. Die Reichen, die Politiker sprechen von den Problemen, an denen
die Jugendlichen Schuld seien. Sie sagen, daß wir krank seien und sie uns töten
müssen.
Wir sind die Jugendlichen aus den armen Stadtteilen, die Leute
kritisieren uns und nennen uns Herumtreiber, aber niemand will der
hoffnungslosen Jugend wirklich helfen.
Wir stehen an den Straßenecken, tun
nichts produktives und denken dummes Zeug, da kommt die Polizei und versucht uns
herum zu kommandieren. Diese Hurensöhne, immer wollen sie uns befehlen.
Darum
der Vorschlag der Jugend: Um menschlicher zu werden, muß man das Recht auf Leben
respektieren, denn es gibt welche die dies nicht tun. So das Recht auf
Gesundheit: Du zahlst hohe Steuern, für Krankenhäuser denkst du, doch es kommt
sie billiger dich an einer Krankheit sterben zu lassen. Auch Arbeit gibt es
nicht mehr. Sie nennen dich Killer, doch wenn wir keine Chance bekommen, wie
glauben sie, soll sich dann das alles ändern!
Wir wählen und trotzdem geht's
weiter bergab. Es kommt irgendein Typ und macht Wahlversprechen, daß sich in
Zukunft alles bessern wird. Und dann, wenn sie ihn nicht wählen, kauft er für
ein paar Groschen die Zukunft seines Bruders. Sie hören nicht auf dich zu
belügen. Sie versprechen dir viele Dinge, die sie nie erfüllen werden.
Ja, es
gibt Trauer, Gewalt und Dekadenz, das alles ist eine Warnung.
Refrain: Aber
alles hat eine Lösung. Suchen wir sie in unserem Herzen. Alles hat eine Lösung,
suchen wir sie in unserem Herzen.
Das Neue an der Red Juvenil ist ihre soziale Breite und politische Toleranz: "Egal ob kommunistisch oder kirchlich, wir bringen sie für gemeinsame Aktivitäten zusammen", so Alex von der Christlichen Arbeiterjugend. Mittlerweile nicht nur in Medellin, sondern auch in Städten wie Bogotá, Barranquilla, Bucaramanga, Cali, Cucuta und Pereira. "Wir wollen eine Kultur des Friedens aufbauen. Dafür wenden wir auch entsprechende pädagogische Konzepte an, etwa wenn wir mit den jugendlichen Killern oder Milizen verhandeln. Die Jugendlichen sollen, zum ersten Mal in ihrem Leben, erfahren, was Frieden bedeutet. Wir müssen deshalb die wichtigsten Dinge des alltäglichen Lebens mit der Friedensidee in Verbindung bringen. Das Recht auf Arbeit, das Recht auf Bildung, das Recht, jeden Tag etwas zu essen zu haben und auch das Recht anders zu sein, z.B. den Kriegsdienst zu verweigern. Wir arbeiten viel mit Symbolen: Bedruckte T-Shirts oder Baseballkappen sind sehr attraktiv für Jugendliche. Natürlich hat das auch was Fetischistisches, aber es vermittelt auch ein starkes "Wir-Gefühl". Und das brauchen wir um uns mit der Sache des Friedens zu identifizieren, uns gegenseitig zu bestätigen in einer gewalttätigen Umwelt."
| Keine Veränderung ohne politische Einmischung |
Teil der Menschenrechtsarbeit ist in zunehmenden Maße auch die Aufklärungs-,
Vernetzungs- und Lobbyarbeit. Strukturelle Probleme wie das der Gewalt in
Kolumbien lassen sich nicht über einzelne Hilfsprojekte lösen. Hierzu bedarf es
der koordinierten Anstrengung der Zivilgesellschaft insgesamt, sowohl in
Kolumbien, als auch in Europa. Neben der Denunzierung von
Menschenrechtsverletzungen gegenüber nationalen und internationalen Behörden,
gehört dazu auch die Aufforderung an alle Konfliktparteien den Konflikt zu
humanisieren, also zumindest das Internationale Humanitäre Recht (Genfer
Konventionen) ein zu halten und nach einer politischen Verhandlungslösung zu
suchen. Gesellschaftliche, von der Basis kommende Friedensinitiativen, wie sie
in Kolumbien in den letzten beiden Jahren zaghaft entstehen, geben Anlaß zur
Hoffnung. Das "Netz der Bürgerinitiativen für den Frieden und gegen den Krieg"
oder die von Kindern und Jugendlichen getragene Initiative Mandato por la Paz
gehören dazu. Anzeichen zur Hoffnung geben auch erste friedenspolitische Gesten
des neugewählten Präsidenten Andres Pastrana, der sich mit den Anführern der
FARC-Guerilla traf oder die über die Katholische Kirche vermittelten
Friedensgespräche in Mainz mit der ELN-Guerilla.
Über die Unterstützung
nationaler wie europäischer Menschenrechtskoordinationen versucht terre des
hommes im Zusammengehen mit anderen entwicklungspolitischen Hilfswerken und
Solidaritätsgruppen, derartige Initiativen im Interesse der Projektpartner und
Basisorganisationen zu unterstützen. Ziel ist die Achtung der Menschenrechte,
der Schutz bedrohter Menschen in Kolumbien und der Versuch mehr politischen
Druck in Richtung der Regierungen zun machen, um die Chancen einer
Verhandlungslösung zu erhöhen. Dies läuft v.a. im Bereich Lobbyarbeit seit zwei
Jahren, koordiniert über die Menschenrechtskoordination BRD-Kolumbien, recht
gut.
Von Seiten einiger Menschenrechtsorganisationen, Hilfswerke und der
Internationalen Friedensbrigaden (PBI) wird derzeit geplant, mehr EuropäerInnen
vor Ort ein zu setzen, in Flüchtlingslagern oder bei dem Kampf um Rückführung in
die Heimatgemeinden, um den Druck auf die kolumbianische Regierung zu verstärken
und den Schutz der Vertriebenen vor Übergriffen der Paramilitärs zu verbessern.
Dies wäre eine weitere Form praktischer Solidarität von Europa aus.
Im Fall
von persönlich bedrohten Projektpartner/innen überlegt terre des hommes, ob eine
Art "Patenschaft" von prominenten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in
Deutschland, ihr Leben etwas sicherer machen kann.
In Kolumbien wird es nötig sein für die verschiedenen Formen und Akteure der
Gewalt unterschiedliche Lösungen zu suchen. Dabei ist die Stärkung und
Einbeziehung friedenspolitischer Initiativen und NRO-Netzwerke von
ausschlaggebender Bedeutung.
Im Fall der militärischen Konkurrenten sollte
eine über mehrere Etappen (Anerkennung des Internationalen Humanitären Rechts,
Schaffung einer repräsentativ besetzten Friedenskommission, Gefangenenaustausch,
Waffenstillstand, etc.) laufende politische Verhandlungslösung mit den
beteiligten Konfliktparteien angestrebt werden. Hierbei sollten die Paramilitärs
als Hauptverursacher von Menschenrechtsverletzungen und eigenständige
politisch-militärische Kraft nicht vergessen werden. Ohne sie wird es keine
brauchbare politischen Fortschritte bei der Suche nach Frieden in Kolumbien
geben. Verbindliche und von allen Konfliktparteien respektierte
Verhandlungsergebnisse sind aber die Voraussetzung für die Humanisierung des
Konflikts und Befriedung der kolumbianischen Gesellschaft. Nur unter friedlichen
Bedingungen ist eine humane Entwicklung möglich, dies zeigt der Fall Kolumbien
ganz eindeutig.
Albert Recknagel
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