KinderKulturKarawane 2001
Nachhaltige Kontakte

 

Ein Alltag im Elend
Steiner-Schüler arbeiteten für Jugendliche in Kolumbien

    Es begann an einem kalten No- vembertag, an dem wir uns bib- bernd und schlecht gelaunt in die Schule schleppten. Wir kamen uns wie die bemitleidenswertesten Kre- aturen auf diesem Planeten vor. Und dann auch noch gleich um acht Phy- sik! Unser grauer Tag wurde durch die Ankündigung erhellt, dass wir um zehn Uhr in unserem Festsaal ein Theaterstück von einer Gruppe na- mens "Taller de Vida" besuchen dür- ften: Leute aus Kolumbien sollten das sein? Auf Spanisch? Da versteht man doch nix! Aber besser als Un- ter richt auf jeden Fall. Also stiefel- en wir wie immer bei solchen Aus- sichten etwas frohgemuter durch den kalten Wind Richtung baufälliges Etwas namens Festsaal.
    Und da spielten sie! Von Tod und Vertreibung, Elend und Misshand- lung erzählten sie. Dennoch ver-
sprühten sie eine ungeheure Lebens- energie und ein "Wir-geben-nicht- auf!". Alltagsszenen aus einem Le- ben, das für uns wie aus der Tages- schau abgekupfert aussah. Für diese zehn Jugendlichen war es jedoch verdammte Realität. Sie gaben uns mit ihrem Stück "Der Tod ist los" Einblick in ihre Welt.

Ungewisse Zukunft
   
Plötzlich fühlten wir uns schuldig. Wir und bemitleidenswert? Was ha- ben wir denn schon im Vergleich zu ihnen an Unglück erlebt. Und trotz- dem waren sie diejenigen die lachten und tanzten und Zuversicht ausstrahl- ten, obwohl sie uns von ihrer unge- wissen Zukunft erzählten, von er- mordeten Familienangehörigen und Folter. Und wir spielen gleich HB-Männclnen wenn wir kein Guthaben mehr auf dem Handy haben?
    Der Entschluss ihnen in materiel- ler Hinsicht zu helfen, war schnell ge- fasst. Wir wollten in unseren Benet- ton-Pullovern wenigstens etwas dazu beitragen, dass sie ihre Zukunfts- wünsche, wie Meeresbiologie oder Medizin zu studieren, vielleicht doch verwirklichen konnten. So fingen wir an, unseren Wow-Day (Wal- dorf-One-World-Day) zu organi- sieren. Von anderen Schulen hatten wir gehört, wie das so ungefähr ab- laufen sollte.
    Wir entscheiden uns also dafür, dass die gesamte Oberstufe (9 a/b bis 12 a/b) sechs Stunden für min- destens fünf Euro pro Stunde in Be- trieben und Haushalten arbeiten soll- te. Nachdem geklärt war, dass alle mitmachen wollten und wir für diesen Tag schulfrei bekommen sollten, war der Weg sozusagen frei für unser Projekt.
   Abgesehen von den kleinen Orga- nisationsproblemen, denen wir uns plötzlich gegenüber sahen. Was,

wenn zum Beispiel nicht jeder Schü- ler einen Arbeitsplatz bekommen sollte? Also gingen wir auf die Suche und organisierten Arbeitsplätze, hauptsächlich im Elternkreis. Fenster sollten geputzt, abgeschliffen oder gestrichen werden, Keller entrüm- pelt, Gärten umgegraben und Böden ge- wischt werden. Manch einer durfte sich in diversen Büros an Ak- ten wagen oder auf einem Bauernhof den Stall ausmisten.

Schwitzen im Garten
  
Und dann kam der große Tag. Der 18. Juni 2002. In den Nachrichten wurde verkündet, dass es der heis- seste Tag im Jahr werden sollte und wir schwitzten. Wären wir doch in die Schule gegangen, denn da gab es hitzefrei! Beim Heckenschneiden in praller Sonne oder Dächboden-Ent- rümpeln sagten wir uns immer wie- der: "Wir tun es für eine gute Sache!" Anders hätten wir es wohl kaum überstanden. Dass es alle doch durchgestanden haben, ist im Nach- hinein wirklich eine Leistung.
    Als es ans Einsammeln der Bestä- igungen ging, in denen stand, dass jeder Schüler auch wirklich gearbei- et hatte, konnten wir die Lehrer plötzlich verstehen, die so verzweifelt Entschuldigungen hinterherrennen müssen. Irgendwann kamen alle Be- stätigungen und selbst die Überwei- ungen trafen teilweise sehr schnell ein. Jetzt ging es noch darum, abzu- haken, von welchem Schüler wieviel Geld gekommen war und ob Spen- denguittungen vonnöten waren oder nicht . . .
    Trotz aller Arbeit und allem Hin- und-her-Gerenne war diese Aktion ein wirklicher Erfolg. Es hat allen mehr oder weniger Spaß gemacht, mindestens 20 Haushalte in Nürn- berg und Umgebung haben jetzt blit- zende Fenster und weitere vierzig gejätete Gärten - und wir haben 7000 Euro eingenommen! Eine im- mense Summe, wenn man bedenkt, dass man selbst nur sechs Stunden dafür gearbeitet hat.

Persönlichar Kontakt hält
  
Nun freuen wir uns darauf, das Geld über "Terres des Hommes" an die Selbsthilfegruppe "Taller de Vida" in Bogota/Kolumbien über- weisen zu können und zu wissen, dass die Jugendlichen, mit denen wir teilweise noch persönlichen Kontakt haben, davon profitieren. Und viel- leicht ein bisschen hoffnungsvoller ih- rer Zukunft entgegenblicken können.
      An dieser Stelle nochmal einen Dank an alle Arbeitgeber, "Arbeit- nehmer", das hilfsbereite Sekretariat und unsere geduldigen Lehrer.

     JOHANNA und KATHARINA, 11 b, Rudolf-Steiner-Schule Nürnberg

Nürnberger Zeitung, 3./4. August 2002