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“Psychosoziale
Arbeit”
Niemand hat den dreizehn
Kindern, die in dem Theaterstück „Der Tod läuft frei herum“
spielen, das Drehbuch geschrieben. Sie singen die typischen Lieder ihrer
Regionen, tanzen Rap, den sie in der Stadt kennengelernt haben und erzählen
alle ihren makabren und endzeitlichen Erfahrungen.
"Es ist ein gemeinsam geschaffenes Werk. Ein Raum, der bei
Improvisationen und im Gespräch mit den Kindern entstanden ist“, sagt
der Regissseur Carlos Eduardo Satizábal.
Die Kleinen, die aus dem Chocó, aus Urabá, Meta und
Cundinamarca kommen, sind im Durchschnitt vor weniger als vier Jahren
vertrieben worden. Die NRO „Taller de Vida“
arbeitet mit der vertriebenen Bevölkerung und realisiert mit ihnen
psychosoziale Aktivitaeten (Handarbeiten, Musik und Theater), bei denen
die Teilnehmer eine Möglichkeit finden, sich in positiver Weise von
ihren Erfahrungen zu entlasten.
Mit diesen Aktivitaeten und insbesondere mit dem
Theaterstueck „Der Tod
ist los“ möchte man vorbeugen, dass die Kinder der Verführung durch
Drogen und Verbrechen nachgeben. „Sie verwandeln den Schmerz und die
Geschichte in ein ästhetisches Objekt. Den Knirpsen bleibt ein Glanz in
den Augen, weil das, was sie aus ihren Erlebnissen gemacht haben, ihnen
und anderen Glücksgefühle verschafft. So werden die Gespenster der
Gewalt besiegt, die unkontrolliert wieder zu Krieg und Rache führen könnten“,
erklärt Satizábal.
Yorman, z.B., empfindet manchmal „Jähzorn und Groll“
wegen der Gewalt, die er erlebt hat und weil sie ihn gezwungen haben,
sein Land zu verlassen. Aber keines der Kinder ist in Drogen oder Gewalt
verwickelt, obwohl sie von diesen täglich in ihren Vierteln umgeben
sind.
Yorman ist glücklich in Bogotá, obwohl ihm manchmal „schlechte Dinge
passieren, weil er farbig ist“. Er sagt, dass er es vorziehen würde,
auf seinem Flecken Land zu sein, denn „wem würde es nicht gefallen
mit den Seinen zu Hause zu sein“. Mit seinen
Eltern und seinen drei anderen Geschwistern teilt er eine Blechhütte
und obwohl sie ausreichend zu essen haben, „reicht es nicht für
mehr“.
Das Leben des „Schwarzen“ auf der Bühne gleicht
seinem realen Leben. Zum Glück ist Yorman noch ein Kind, dessen Zukunft
vielversprechender als seine Vergangenheit ist: Schauspieler,
Fussballspieler oder Soldat (denn er sagt, dass er sein Vaterland
verteidigen will).
Von
Christine Graff uebersetzt aus: El Tiempo, 5.11.2000
Aus dem Kassettenrekorder hört man
Meeresrauschen und Vogelgezwitscher. "Entspannt euch", sagt
eine junge Psychologin mit ruhiger Stimme. Bei einigen Kindern hat diese
Aufforderung bereits Wirkung gezeigt. Sie sind vor Müdigkeit
eingeschlafen. Andere Kinder wälzen sich noch hin und her, bis sie die
bequemste Lage gefunden haben. "Träumt euch weg, dorthin, wo ihr
gern sein wollt", sagt die Psychologin. "Und denkt an einen
Menschen, den ihr sehr mögt ". Einige Stunden später erzählen
die Kinder, an was sie gedacht haben. "An die Mutter", sagt
ein Kind. "Ich habe an den Fluss gedacht, an dem ich früher
gewohnt habe", berichtet ein anderes.
Jetzt traut sich auch Juan Enrique vor. Was er zu erzählen hat, ist ein
Albtraum, den er erlebt hat. Und diese Erinnerungen lassen ihn nicht
mehr los. "Mit meinem Vater habe ich auf einer Bank gesessen.
Plötzlich kamen die Paramilitärs auf einem Motorrad. Ohne etwas zu
sagen, erschossen sie zwei Bekannte, die auf der anderen Straßenseite
standen."
Paramilitärs sind inoffizielle Truppen, die
wegen ihrer Brutalität auch als Todesschwadronen bezeichnet werden.
Juan Enrique ist nicht das einzige Kind, das solche Erfahrungen machen
musste. Viele Kinder, die sich in der Werkstatt des Lebens (Taller de Vida),
einem von terre des hommes unterstützten Projekt, einfinden,
haben Familienangehörige, Freunde oder Verwandte verloren.
Juan Enrique hat noch Glück gehabt. Er hatte
mit anderen Kindern eine Demonstration für den Frieden veranstaltet.
Zwei seiner Freunde, die ebenfalls teilgenommen hatten, wurden von den
Paramilitärs erschossen. Er konnte mit seinen Eltern nach Bogotá
fliehen. Doch die Erinnerungen an die Erschießung lassen ihn
seither nicht mehr los. "Die Kinder sind hilflos gegenüber dem
Krieg", sagt er.
Kolumbien gehört zu den Ländern mit der
höchsten Gewaltrate weltweit. Seit 45 Jahren tobt im Land ein
Bürgerkrieg, dem vor allem Zivilisten zum Opfer fallen. Die Gewalt geht
von verschiedenen Kampftruppen aus: von der Drogenmafia, den
Todesschwadronen, den Militärs und der Guerilla. Das Gewaltmonopol des
Staates gilt in den meisten Landstrichen faktisch nicht mehr. Immer mehr
Menschen müssen aus ihren Dörfern fliehen, weil sie zur Zielscheibe
bewaffneter Gruppen geworden sind. Nach Auskunft von
Menschenrechtsorganisationen wurden allein im Jahr 1998 308.000 Menschen
vertrieben. Insgesamt 1,5 Millionen Menschen sind in Kolumbien auf der
Flucht oder leben in Flüchtlingslagern.
Der Verlust von Familienangehörigen, die
Vertreibung aus der Heimat und die Zerstörung sozialer Beziehungen ist
erst der Anfang des Flüchtlingsdramas. In der für sie fremden
städtischen Umgebung und der Ablehnung durch ihre Umwelt leben sie in
den Flüchtlingslagern ohne berufliche und wirtschaftliche Perspektiven.
Die Aktivisten von Taller de Vida, einem Projekt, das selbst von
Betroffenen gegründet wurde, wollen diesen Flüchtlingen in ihrer Not
helfen. Ziel ist es, nicht nur rechtlichen Beistand und materielle
Unterstützung zu ermöglichen, sondern auch dabei zu helfen, die Trauer
und die Vereinzelung zu überwinden. Gerade für die Kinder und
Jugendlichen ist die Theaterarbeit ein wichtiges Element der
Verarbeitung ihrer Erlebnisse geworden.
Die psychosoziale Betreuung ist sehr aufwändig
, weil das Schicksal und die persönliche Geschichte eines jeden
Einzelnen aufgearbeitet werden müssen. Ohne die Wiederherstellung eines
positiven Selbstwert- und Lebensgefühls, so die Mitarbeiter von Taller
de Vida, ist eine neue Lebensperspektive für die Flüchtlingsfamilien
und ihre Kinder nicht möglich. Wie viele Altersgenossen hofft auch Luis
Enrique, irgendwann sein Lachen und die Lebensfreude wiederzugewinnen.
Und vielleicht hat er dann auch die Chance, mit Unterstützung von
Taller de Vida, eine Ausbildung zu machen und einen Beruf zu erlernen.
Das wäre eine große Chance in einem Land, das Kindern und Jugendlichen
sonst keine friedliche Zukunft zu bieten hat. aus: terre des hommes
(Hg.): Jahresbericht. Osnabrück 1998 |