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Turbotanz paart Kraft mit Eleganz
Maximaler Spaßfaktor: Jugendliche aus Kolumbien, Rumänien und
Deutschland improvisieren auf Kampnagel
von Peter Krause
Nichtskönner gibt's nicht. Nur große und kleine, blonde und
braune, tanzende und trommelnde, schüchterne und mutige junge
Künstler. Junge Persönlichkeiten. Beim internationalen Rhythmus-,
Musik-, Tanz- und Bildungsspektakel "in-tact!", das am Donnerstag
auf Kampnagel Premiere feierte, traut sich jeder was und siehe,
jeder der vierzig Jugendlichen aus Kolumbien, Rumänien und Hamburg
kann auch was. Erfindet eine rhythmische Gestalt, sendet sie aus,
nimmt Impulse der anderen auf, wandelt sie um, entdeckt den eigenen
Körper und die Aura der Einheit mit allen. Selbstbewußtsein und
Gruppengefühl spiegeln sich, bedingen einander. Vom Autismus einer
körperlosen Generation keine Spur.
In einem gerade mal zehntägigen Workshop hat der Jazzer Gunter
Hampel mit seiner Band eine pädagogische Meisterleistung vollbracht,
deren Ergebnis sich wahrlich sehen und hören lassen kann. In
gleichsam ritueller Renaissance-Manier einer Entrada-Endlosschleife
zieht das junge Volk klimpernd, trötend und trompetend ein, als
gelte es den alten Rundgesang und -tanz Zarathustras mit ganz neuem
Leben zu füllen. Leicht-Sinn und Lachen strahlt es aus - immer
bereit, den flinken Füßen Flügel zu verleihen und einfach abzuheben.
Einer macht den Vortänzer, spielt den Ball - durchaus wörtlich -
weiter, der Adressat bleibt einfach mal sitzen und trommelt vor sich
hin, gibt den Ball schnell wieder ab an die kleine Stepperin. Hier
hat ein jeder sein Erfolgserlebnis, der Applaus der anderen zeigt's.
Zum Flötenspiel des sanft bestimmten Chefmotivators Hampel stakst
ein Junge erst noch etwas unbeholfen daher, dann schlägt er ein
kühnes Rad, gewinnt Vertrauen, öffnet sich und wird schließlich
geradezu virtuos. Individuelle Grenzüberschreitung wird zum
Ereignis. Improvisation ist einer der kreativen Wege dahin,
spielerisch und mit maximalem Spaßfaktor zu fordern und zu fördern.
Der Wahl-New-Yorker Gunter Hampel setzt damit die Erkenntnisse
und Methoden des Orffschen Schulwerks für die Musikpädagogik und
Musiktherapie von heute entschieden und mit zeitgemäßem Sound fort.
Er ist nah am Puls der Zeit, nimmt das Lebensgefühl seiner Schüler
sensibel, doch ohne Anbiederung auf. Hier kommt der musikalisch
Gebildete wie der künstlerische Vernachlässigte auf seine Kosten,
kann sich einbringen und lernt mit den ganz verschiedenen Spielarten
seiner Mitkünstler umzugehen. Ein Höhepunkt ist die im großen Bogen
gesteigerte Rhythmus-Improvisation: erst einer, dann zwei, bald
viele, dann alle. Ein wilder und irgendwie doch seltsam geordneter
Kosmos der Interaktion baut sich auf, der alle nur erdenkliche
Lautäußerungen von Gesang, über Klatschen und Rasseln bis Rappen
einschließt, der unscheinbaren schlaksigen Wesen Anmut verleiht und
Mut macht. Oder die Choreographie "Workout", die herrlich unorthodox
zwischen Ritualtanz, Bauch-Beine-Po-Training und Modern Dance
changiert. Die Gruppe "Prezent" aus dem rumänischen Arad streut
schließlich mit orientalisch mikrotonaler Harmonik noch eine Portion
regionale Farbe ein, die sie geschickt mit jazzigen Elementen zu
mischen weiß. Und die Kollegen aus dem soziokulturellen Zentrum
"Viviendo y Sonando" aus Medellin in Kolumbien haben mit ihren
furios akrobatischen Street-Dance-Einlagen die Schüler des Hamburger
Heinrich Heine Gymnasiums angesteckt, ihre Körperlichkeit ganz neu
zu ergründen. Eine Schule der Sinne ist das Ganze - mit einer tollen
Bildungsbotschaft, die zugleich gesellschafts- und kulturbildend
wirkt. Zum Schluß bekommt ein jeder seinen Applaus, nimmt ihn je
nach Gusto und Charakter cool, gewandt oder verschämt entgegen. Dann
gibt's den kollektiven Auszug aus der Halle: Bravi für alle! Heute
und morgen ist das Spektakel noch einmal zu erleben. Dann sieht
alles, der Improvisationslust dieser Begeisterungstruppe sei Dank,
sicher schon wieder ganz anders aus. Einmalig, könnerisch und
leidenschaftlich eben.
Artikel erschienen am Sam, 15. Oktober 2005 |
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