Maiti Nepal
Arbeit in Indien

Unvorstellbar - selbst wenn man es sieht
Die Realität in den Rotlichtvierteln Indiens

Der folgende Bericht spiegelt die Eindrücke und Erlebnisse meiner Indienreise im April dieses Jahres wider, bei denen ich die drei Partnerorganisationen von Maiti Nepal in Kolkata, Delhi und Mumbai besuchte. Ziel war es, einen Überblick über ihre Aktivitäten und Einrichtungen sowie über ihre konkrete Arbeit in den Rotlichtvierteln dieser Städte zu gewinnen. Die BONO-Direkthilfe e.V. wurde im Rahmen dieser Reise mit zahlreichen Hilferufen konfrontiert. Eine Ausweitung unserer Unterstützung zur Rettung minderjähriger Mädchen aus den Bordellen der indischen Großstädte sowie zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ist beabsichtigt.
Es ist unmöglich, für eine kleine Organisation wie der BONO-Direkthilfe e,V. den vielseitigen und oft verzweifelten Anfragen lokaler NGOs gerecht zu werden. Dennoch sind wir zuversichtlich und hoffen, mit Ihrer Hilfe zumindest einigen Kindern ein Stück Kindheit zu erhalten oder neu vermitteln zu können.

Kali Ghat - ein Rotlichtviertel in Kolkata (Calcutta)
Stellen Sie sich vor, Maduri, eine junge Bengali im Alter von 24 Jahren, haust mit ihren drei Kindern in einem 4 qm kleinen Raum, der zur Gasse hin nur durch einen Vorhang abgetrennt ist. Der Raum hat keine Fenster, ist stickig und klamm. Er ist nahezu vollständig ausgefüllt von einem Bett, lediglich am Fußende des Bettes gibt es
noch ein wenig Platz. Die wenigen Habseligkeiten, die Maduri besitzt, befinden sich in einer Blechkiste unter ihrem Bett. Daneben steht ein kleiner Kerosinkocher, zwei Töpfe und einige Teller. Die junge Mutter kümmert sich ganz allein um ihre drei Kinder die alle von verschiedenen Vätern stammen und von denen sie keinen länger als wenige Stunden kannte.
Maduri "lebt" seit ihrem 16. Lebensjahr hier, Ihre Mutter ist gestorben als sie noch ein Kind war, über ihren Vater weiß sie nichts. Sie wurde von einer Tante großgezogen, die jedoch kaum Zeit für sie hatte, Nach dem Tod ihrer Tante kam sie hierher und tat das, was die meisten anderen der 300 - 400 Frauen im Rotlichtviertel von Kali Ghat ebenfalls tun. Sie kennt es nicht anders, ihre Tante hatte ihr schon früh beigebracht, wie sie als junges Mädchen gutes Geld verdienen konnte.
"In Kolkata gibt es insgesamt 14 Rotlichtviertel" erklärt mir Tapathi Bhowmik, Program Coordinator von SANLAAF, einer Portnerorganisation von Maiti Nepal. Die bekanntesten sind Sonnagachi und Bow Bazar wo Prostitution ganz offen vollzogen wird. Wesentlich schlimmer sind die Zustände in den ärmeren Gegenden der Stadt wie beispielsweise in Khidirporu oder in Kali Ghat, wo vorwiegend nepalesische Mädchen angeboten werden. Das Slumviertel von Kall Ghat im Süden Kolkotas ist bekannt geworden, nachdem Mutter Theresa hier ihr erstes Sterbehaus eröffnete. Die Bordelle im Slumviertel werden von Tagelöhnern und Rikschawallaas besucht. Es ist bekannt dass man hier die "billigsten" Mädchen in ganz Kolkata bekommt. Die Preise variieren je nach Alter der Mädchen zwischen 20 und 100 Indischen Rupees ( 0,50 - 2,50 EUR ) für einen Besuch.
SANLAAP arbeitet sehr eng mit den Betroffenen zusammen und setzt sich für die Rechte der ausgebeuteten Mädchen und Frauen ein. Die Organisation unterhätt 14 Drop-In-Stations und drei Frauenhäuser. In drei Rotlichtvierfeln haben sie es geschafft, dass keine mlnderjährigen Mädchen mehr sexuell ausgebeutet werden. "Der Zusammenhalt der Frauen ist verblüffend" berichtet Tapathi."Sie teilen ihre Probleme mit uns und vertrauen uns. Im Gegenzug helfen sie mit und passen auf, dass keine  minderjährigen Mädchen in diesen Vierteln anfangen.
Im Rotlichtvierfel von Kali Ghat betreibt SANLAAP ein Drop-In-Center für Kinder, eine Art Kinderhort, in dem die Frauen ihre Klnder abgeben, während sie ihre Freier empfangen. Zur Zeit werden hier 32 Kinder in den frühen Abendstunden betreut. Tapathi erklärt: "Leider haben wir nicht die finanziellen Mittel, um mehr Kinder aufzunehmen, so dass weiterhin die meisten Kinder von ihren Müttem auf die Straße geschickt werden oder wie bel Maduri, unter dem Bett darauf warfen, bis ihre Mutter wieder Zeit für sie hat." Was muss in einem Klnd vorgehen, das von Klein auf mitbekommt, wie seine Mutter tagtäglich gezwungen ist, sich fremden Männem hinzugeben, um ihr eigenes und das Überleben ihrer Kinder zu sichem?
Auf die Frage, was sie sich wünschen würden, wenn eine gute Fee käme und ihnen ihre Wünsche erfülle, antworten die Kinder des Drop-In-Centers: Ein eigenes Zuhause - eine Schulausbildung - dass alle Kinder glücklich wären und nicht mehr geschlagen würden - irgendwann einmal viel Geld zu verdienen. Ein Junge sagt, dass er Doktor werden wolle, um dann den Menschen in diesem Viertel kostenlos helfen zu können. Während ich ihre Wünsche notierte, starren mich die großen Kinderaugen an, voller Hoffnung, ich stünde mit dieser guten Fee in Verbindung.
SANLAAP bat uns um dringende finanzielle Unterstützung, um das bestehende und sehr spartanische Kinder-Drop-In-Center im Slumviertel von Kali Ghat kindergerecht einrichten und weitere Kinder-Drop-In-Center in anderen Redlight Districts aufbauen zu können. Ich habe versprochen, dass wir nach besten Kräffen versuchen werden, diesen Kindem zu helfen.

Szenenwechsel: New Delhi
In der Hauptstadt Indiens ist Prostitution ebenso wie im Rest des Landes gesetzlich verboten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Großstädten konzentriert sich die institutionelle Prostitution in New Delhi auf eine Straße, die "G.B. Road", im Herzen der Stadt. Von außen sind die Bordelle als solche zunächst kaum erkennbar. Durchquert man die Straße in einem Taxi, glaubt man, es gäbe nichts anderes als kleine Elektrogeschäfte, die mit riesigen Reklametafeln über ihren Eingängen auf sich aufmerksam machen. Erst beim genaueren Hinsehen entdeckt man in den oberen Stockwerken der Häuser mit dicken Eisengittern umzäunte Balkone, auf denen die Mädchen teilnahmslos und mit leerem Blick hinunterstarren. Wie Tiere in Käfigen werden sie gehalten, völlig abgeschnitten von der Außenwelt.
Die Partnerorganisation von Maiti Nepal in Delhi heißt STOP ( = Stop Trafficking Operation and Prostitution of Children and Women ). Die Gründerin von STOP, Ms. Roma Debabrata, erzählt mir sichtlich mitgenommen von einem grausamen Vorfall, der sich wenige Tage vor meiner Ankunft ereignete. In Yamuna Pushta im Nordosten der Hauptstadt am Ufer des Flusses Yamuna waren neun junge Mädchen im Alter von 8 - 13 Jahren in einem Erdverschlag erstickt. Die Ermittlungen hatten ergeben, dass drei von ihnen aus Radjasthan, zwei aus Bangladesh und die anderen aus Nepal stammten. Sie alle wurden verschleppt und sollten an die Bordelle in G. B. Road verkauft werden. Der Erdverschlag diente als "Zwischenlager", in dem die Bordellbesitzer die Mädchen wie Vieh begutachten und kaufen konnten. In Yamuna Pushta "leben" ca. 180 - 200.000 Menschen und es zählt zu den größten Slumgebieten Nordindiens. Da die Slums von der Polizei weitgehend gemieden werden, haben die Schlepperbanden hier leichtes Spiel.
STOP hat hier ein "Community Outreach Center" aufgebaut, das sich aktiv am Kampf gegen den Menschenhandel beteiligt. Als ich das Team des Centers besuchte, ist die Betroffenheit über den tragischen Tod der wehrlosen Mädchen noch deutlich spürbar. "Es zeigt, dass wir unsere Aktivitäten noch ausbauen müssen," sagte eine junge Frau, deren Schwester bereits seit zwei Jahren verschwunden ist. Voller Bewunderung erzählt Roma von den Erfolgen der Gruppe. Insgesamt 18 Community Workers arbeiten in verschiedenen Bereichen der Slums, die je nach Herkunft ihrer Bewohner in sechs verschiedene "Bastis" unterteilt sind. Sie kämpfen bedingungslos und entschlossen für die Grundrechte der Menschen, von denen die meisten nicht wissen, dass sie sie besitzen - zumindest theoretisch.
Auch hier stelle ich erneut die Frage, was sie sich wünschen würden, vorausgesetzt eine gute Fee käme und würde sie fragen. Ohne lange nachdenken zu müssen, antworten die Frauen: Rettung aller minderjähriger Mädchen aus der Prostitution - Abschaffung der Drogen in dem Slum, da hieran tausende junger Menschen zugrunde gingen - gezielte Ausbildungsprogramme für junge Mädchen - ein Kinderhaus, sauberes Wasser - ausreichende Nahrung - medizinische Versorgung.
Aus Dank für meinen Besuch singen mir die Kinder in der kleinen Schule des Centers zum Abschied ein Lied, dessen Refrain ich nicht vergessen werde. In zwei einfachen Fragen drücken sie aus, was in ihren Köpfen vorgeht. Es sind Fragen, über die es sich lohnt, einmal in Ruhe nachzudenken. Mit ihren riesigen dunkler Augen, laufenden Rotznasen und verfilzten Haaren singen sie: "Why we come in this world? What is the right of a child?"

Szenenwechsel: Mumbai und Puna
In Mumbai allein gehen ca. 200.000, zumeist junge Frauen der Prostitution nach. Die beiden bekanntesten Rotlichtviertel sind Kamatipura und Falkland Road. Der Anteil der minderjährigen Mädchen liegt zwischen 40 und 50%. In Mumbai stehen viele der Mädchen in den Straßen und werben aktiv um die Gunst der Männer. Obwohl die Prostitution gesetzlich verboten ist, steht die Polizei daneben und greift nur ein, wenn es zu Handgreiflichkeit oder anderen gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. "Prostitution wird in Indien als gesellschaftliches Problem betrachtet," erläutert Sunita Kalbande, die verantwortliche Polizeinspektorin im Rotlichtviertel von Puna. Sie wollte damit erklären, dass trotz gesetzlichen Verbots Prostitution geduldet wird. Als ich meiner Verwunderung Ausdruck verleihe und sie frage, wie es kommt, dass sich in den meisten Rotlichtvierteln Indiens Polizeistationen befinden und Prostitution damit ganz offensichtlich akzeptiert wird, antwortet sie: "Was sollen wir dagegen tun? Glauben sie mir, wir sind machtlos!"
Die Frauen, die in den Straßen stehen, laufen nicht mehr davon. Es sind jene, die sich längst mit ihrer Existenz als Prostituierte abgefunden haben. Ihre Seelen wurden zerstört, kurz nachdem sie hier ankamen. Sie wissen genau, dass sie keine Alternative haben. Zurück in ihre Familien können sie nicht mehr, sie haben keine Ausbildung und die Gesellschaft verachtet sie. "Wenn wir junge Verschleppungsopfer herausholen wollen, müssen wir schnell sein" bringt Balkrishna Acharya, der Präsident der Rescue Foundation in Mumbai, die Schwierigkeit auf den Punkt. Durch Massenvergewaltigungen und gezielte Folter wird der eigene Wille und die Persönlichkeiten der Mädchen innerhalb kürzester Zeit zerstört. Die Mädchen werden systematisch von den Bordellbesitzern eingeschüchtert. Man erzählt ihnen, dass viele Frauen nach einer Verhaftung durch die Polizei brutal misshandelt wurden, dass man ihnen ihr gesamtes Geld abnähme, dass sie ohnehin keine Chance mehr hätten in ihre Familien zurückzukehren und dass man sie wie "Freiwild" betrachten würde. Innerhalb kürzester Zeit sind solch gravierende Ängste aufgebaut, dass viele Mädchen die Existenz der Bordelle einer Rettung durch eine Hilfsorganisation vorziehen.
Balkrishna, der bereits über 200 Mädchen gerettet hat, sagt "Wenn wir die Mädchen nicht binnen weniger Wochen oder Monate herausholen können, ist es zu spät. Die Mädchen behaupten dann, sie seien volljährig und aus freien Stücken hier. In diesen Fällen waren all unsere Bemühungen umsonst. Es tut weh, sie zurückzulassen und zu erkennen, dass wir wieder einmal zu spät gekommen sind."

Gereon Wagener, BONO-Direkthilfe e.V.

Spendenkonto der BONO-Direkthilfe e.V.:
Kreissparkasse Köln (BLZ 370 502 99)
Konto-Nr.: 0373 002 353
 

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