Experimental Theatre Foundation

Die “Experimental Theatre Foundation” wurde 1992 von dem Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagogen Manjul Bhardwaj in Mumbai gegründet. Mit seinem „Theatre of Relevance“, einem volksnahen Theater, das traditionelle Kunstformen Indiens aufgreift, um die Menschen zu unterhalten, ihnen aber auch soziale Themen näher zu bringen, wird die Bedeutung betont, die Theater als Medium für sozialen Wandel hat: ein sozial engagiertes Theater, das den Bedürfnissen des Großteils der Bevölkerung entspricht.

ETF spielt seine Stücke auf den Straßen und Plätzen Indiens ebenso wie auf der Bühne der großen Theater des Landes. Bei den Vorstellungen in Schulen und Dörfern werden die sozialen Themen behandelt, die die Menschen am Rande der Gesellschaft bewegen.
ETF hat aus der langen Erfahrung mit der Theaterarbeit mit gesellschaftlich Marginalisierten verschiedene Module entwickelt, die in Theaterworkshops für unterschiedliche Zielgruppen nutzbar gemacht werden. ETF weckt mit seinen Theaterproduktionen aber nicht nur das Bewusstsein über die Wichtigkeit sozialer Themen, sondern setzt durch seine einzigartigem Theatermethoden und Darstellungsformen Wandlungen direkt in Gang. Themen  wie Konsumzwang, häusliche Gewalt, Kinderarbeit, Korruption, Frauenrechte, sexueller Missbrauch von Kindern, Menschenhandel wurden von ETF in mitreißendes Theater verwandelt.

Frauen und Kinder stehen im Mittelpunkt vieler Produktionen. Durch ihre Theaterarbeit konnte ETF direkt das Leben von mehr als 1.000 Frauen beeinflussen, die Opfer von Gewalt wurden, und nun wieder in die Gesellschaft integriert sind. 1.500 arbeitende Kinder können dank des Engagements von ETF wieder zur Schule gehen und für über 7.000 Kindern konnten informelle Bildungswege eröffnet werden.

Seit 2004 widmet sich ETF verstärkt den Themen und Problemen von Jugendlichen. Mehr als 500 junge Männer und Frauen haben an Workshops teilgenommen und sind zu jungen Schauspielern und Darstellerinnen ihrer eigenen Geschichten geworden. ETF plant eine ähnlich intensive Theaterarbeit für Jugendliche aufzubauen, wie sie es für Kinder bereits gibt.

Bislang hat ETF mehr als 25 Theaterstück in mehr als 15.000 Aufführungen im In- und Ausland vorgestellt und mehr als 120 Workshops überall in Indien durchgeführt, an denen mehr als 4.000 potentielle Schauspieler teilgenommen haben. Auch in Deutschland überzeugten die Workshops über Theater und soziale Relevanz die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
ETF hat das Kindertheaterfestival „Bal Natya Utsav“ ins Leben gerufen, um durch Theater von Kindern für Kinder auf die Bedürfnisse von Kindern aufmerksam zu machen. Mittlerweile hat sich ETF zu einem Zentrum entwickelt, in dem alle Theateraktivitäten, die mit sozialem Wandel befasst sind – sei es von Theatergruppen, NGOs oder Regierungsinstitutionen – zusammengeführt werden.

So ist ETF selbst zu einer Theaterbewegung geworden. ETF hat keine Angestellten, vielmehr unterstützen viele mit ihrer freiwilligen Arbeit – mittlerweile sind es über 50 – die Bewegung, in deren Zentrum das Theater steht. ETF erhält keine kontinuierliche finanzielle Unterstützung. Manchmal werden die Auftritte bezahlt, aber wenn Straßenaktionen geplant sind, dann stehen alle freiwillig zur Verfügung. Für bestimmt Projekte – wie die Ausbildung von Kinderarbeitern – werden private Sponsoren aus dem Kreis der Unterstützer von ETF angesprochen.

Die Website der "Experimental Theatre Foundation" enthält (auf Englisch) viele interessante Texte zu Theorie und Praxis der Arbeit des Projektes: http://www.etfindia.org/About_ETF.html

 

 

Die Philosophie „Theatre of Relevance“

Manjul Bharadwaj  

Meine Philosophie „Theatre of Relevance“ entstand im August 1992 als ich die Experimental Theatre Foundation gründete. Die Fundamente dieser Philosophie sind: Diese Art von Theater muss gesellschaftlich relevant sein und schuldet der Gesellschaft ein gewisses Maß an Verantwortung. Es erfüllt individuelle Ansprüche und präsentiert sich selbst als Ausdrucksplattform. Es erforscht sich selbst als ein Medium für Veränderung und Entwicklung. „Theatre of Relevance“ befreit sich von den Beschränkungen des reinen Unterhaltungstheaters und wird zu einer Lebensweise. Es distanziert sich von „der Kunst um der Kunst willen“ und wird Lebensbestandteil der Massen.

Damit knüpfe ich an meine Erkenntnisse an, dass Theater ursprünglich zum Erfahrungsaustausch genutzt wurde und nicht zur Unterhaltungszwecken diente. Zu diesem Ergebnis bin ich durch Studium und Analyse von Theatertheorien wie z.B. Brechts Verfremdungstheorie, Peter Brooks "Der leere Raum" und Augusto Boals "Theater der Unterdrückten" gekommen. Denn es war mir ein Anliegen, die umfangreichere Bedeutung von Theater aufzuzeigen, da existierende Theaterszenarien nach meiner Auffassung das soziale Element vermissen lassen. Es besteht deshalb eine besondere Notwendigkeit, diese Faktoren in unsere Herangehensweise an das Theater und seine Prozesse zu integriere, indem man das Theater dahin zurückbring, wo es hingehört, nämlich zu den Menschen, zur Gesellschaft.

Wir müssen den Raum zwischen Publikum und Schauspieler überbrücken, indem wir Theater aus geschlossenen Räumen auf die Straßen und Plätze bringen und indem wir die relevanten Themen behandeln, die mit diesem in Beziehung stehen.  Wenn zur Theaterarbeit das soziale Element hinzugefügt wird, gelangt Kreativität über Zeit und Raum hinaus. Darüber hinaus beginnt Theater mit einem Prozess der Selbsterforschung, in dem das Individuum den Unterschied zwischen „Ich bin was ich bin“ und „Ich bin was ich nicht bin“ erkennt. Dies ist ein doppelter Prozess, da der Mensch sowohl Darsteller (dies schließt Schauspieler, Autor, Regisseur, Dirigent, Musiker, Beleuchter, Künstler und Designer, kurz alle die ein, die am Theater beteiligt sind) als auch Person des realen Lebens ist. Der Blick nach innen erfolgt vor dem Ausdruck nach außen. Die Selbstbeurteilung steht am Anfang. Eigene Stärken und individuelle Arbeitsbereiche unterstützen die Entwicklung der Fähigkeiten des Einzelnen. Theater fungiert als ein Medium der Kommunikation. Kommunikation bedeutet Ausdruck und stellt ein besonderes Bedürfnis für jeden Menschen dar.

So viele Persönlichkeitsschichten man durch Charakterisierung erforscht, so viele Facetten des Selbst offenbaren sich dann mit Authentizität., Mut und Überzeugung. Vorstellungskraft und Visualisierung werden in großem Umfang angeregt. Das äußere Verhalten gewinnt an Bedeutung und berührt Emotionen, Lebenseinstellung und schließlich Wertvorstellung. Wertvorstellungen sind bestimmende Faktoren für Persönlichkeit und die Art der Lebensführung. Theaterprozesse unterstützen, akzeptieren und spiegeln das Individuum in seiner Persönlichkeit auf eine so vollständige Art und Weise wie sonst kein anderes Medium.

 




Logo der Experimental Theatre Foundation



Arbeit mit Kinderarbeitern