Die Legende von Pachacámac (Kuniraya Wiracocha und Kawillaka)



Normalerweise trug Kuniraya Wiracocha sehr schäbige Kleidung. Sein Mantel und sein Hemd waren meißt übersäht von Flecken und Rissen. Menschen, die ihn nicht kannten, hielten ihn für einen unglücklichen, verlausten Mann und verachteten ihn. Sie wussten nicht, dass er in Wahrheit die Macht über alle Völker besaß. Allein durch seine Worte, konnte er eine reiche Ernte bewirken. So erschuf er zum Beispiel in den Anden die Pupuna, eine spezielle Zuckerrohrblüte.Kuniraya Wiracocha verwirklichte so viele nützliche Dinge, dass die Gottheiten der anderen Völker immer mehr an Bedeutung verloren.

Zur selben Zeit lebte die Göttin Kawillaka. Diese war ewige Jungfrau und außergewöhnlich schön. Es gab keinen Gortt, sei es ein älterer oder jüngerer, der nicht den Wunsch hegte, sie könne sich in ihn verlieben. Doch die schöne Göttin ließ dieses Gefühl niemals zu. Und so vergingen die Tage, ohne dass sie jemand verführen konnte. Lediglich Kuniraya, in seiner Weisheit, verwandelte sich eines Tages in einen Vogel und versteckte sich im Geäst eines Baumes. Dort nahm er eine reife Lucuma, pflanzte seinen Samen ein und ließ sie in der Nähe der Frau fallen. Diese entdeckte die Frucht, nahm sie glücklich und aß sie. Und ganz allein dadurch, obwohl sie jeglichen Kontakt zu Männern vermieden hatte, wurde die Göttin schwanger. Natürlich musste sie nun, trotz ihr Jungfräulichkeit, das Kind gebären.
Während sie sich nun im folgenden Jahr um ihren Sohn kümmerte, vergaß sie nie die Frage, wer der Vater ihres Sohnes sein könnte.

Nachdem das Kind irgendwann auf allen Vieren laufen konnte, wählte sie einen Tag aus, an dem sie alle Götter – Alt und Jung – zu sich rief. Kawillaka hoffte inständig, so den Vater herausfinden zu können. Als die Götter den Aufruf hörten, warfen sich alle in ihre besten Kleidungsstücke. Jeder Einzelne erträumte sich der Auserwählte der Göttin zu sein.

Die Zusammenkunft fand in Anchiqhocha statt, wo die Göttin ihr Anwesen hatte. Götter jeder Größe und jeden Alters nahmen in ihrem großen Saal Platz. Die schöne Frau wand sich ihnen zu und sprach „Schaut her, Männer und noble Herren und erkennt dieses Kind wieder. Wer von euch hat es gezeugt? Du? Oder du?”, fragte sie jeden einzelnen. Doch keiner von ihnen konnte sagen: „Das ist mein Kind!“

Kuniraya Wircocha hatte etwas abseits Platz genommen. Als Kawillaka ihn schließlich in seinem bemitleidenswerten Aufzug ansah, wollte sie sich nicht herablassen, ihn zu fragen. Sie dachte mit Verachtung „Das soll der Vater meines Kindes sein?“ Da scheinbar keiner der anderen anwesenden Männer sagen konnte „Dies ist mein Sohn.”, sagte die Göttin zu ihrem Kind „Geh, mein Sohn, und erkenn du selbst deinen Vater.“ Den Göttern erklärte sie „Sollte einer von euch sein Vater sein, wird sich mein Sohn an denjenigen wenden.”

Also krabbelte der Kleine die ganze Reihe der Götter entlang, ohne anzuhalten. Er krabbelte, bis er an das Ende kam, bei seinem Vater inne hielt, auf seinen Schoß kletterte und sich freute. Als die Mutter das sah, wurde sie wütend und schrie: „Was für ein Grauen! Ich soll einen Sohn dieses elenden Mannes zur Welt gebracht haben?” Sie entriss dem Vater ihr Kind und lief mit diesem in Richtung Meer. Inmitten der erstaunten anwesenden Gottheiten, verwandelte Kunraya Wircocha seine schäbige Kleidung in ein goldenes Gewand. Überzeugt erklärte er der Menge "sie wird mich lieben!" und wandte sich daraufhin an die fliehende Göttin: „Schwester Kawillaka, sieh mich an! Schau doch nur, wie schön ich jetzt bin!“ Nun lüftete er sein strahlendes Goldgewand.
Aber Kawillaka drehte sich nicht mehr um und lief weiter gen Meer. Verzweifelt rief sie „Ich werde im Meer verschwinden, da ich diesen schrecklichen und unliebsamen Sohn geboren habe!“  Die Mutter lief mit ihrem Sohn in das Wasser und warf sich in die Wellen, woraufhin sich beide in Felsen verwandelten.

Noch heute ragen aus den Tiefen des Meeres von Pachacámac zwei riesige Felsen hervor, die zwei sitzenden Menschen ähneln.  











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