Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Mosambiks
Für Mosambik war 1997 ein sehr erfolgreiches Jahr: Die Inflation ging auf einstellige Werte zurück und das Wirtschaftswachstum erreichte rekordverdächtige 14%. Erzielt wurde dieser Aufschwung in der Industrie und im Dienstleistungssektor. Allerdings porfitierte die breite Bevölkerung nur wenig von dieser Entwicklung.

Von der vom Kai aus nicht einsehbaren Außenwand der "Yolanda" steigen kleine Rauchwölkchen auf. Von einer zarten Brise aufgetrieben schwebt der Rauch langsam über die "Sesimbra" und die "Paula" in Richtung Himmel. Es ist Mittag, Essenszeit auch in Beira, der Stadt, die Mosambiks bislang wichtigsten Tiefseehafen beherbergt. Auf den Holzkohlekochern der kleinen Kähne, die Seite an Seite im Hafenschlick liegen, köchelt Reis und grillen kleine Fische. Auszeit für die Fischer: Auch die "Tubaräo", die "Catia" und die "Lindo Mar" sind heute morgen nicht herausgefahren, weil das Meer zu unruhig war.
Fisch ist neben Maniok, Mais und Reis eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel Mosambiks: getrocknet, brüchig wie Pergament und ein wenig streng im Geruch wird er auf jedem Markt verkauft, selbst im tiefsten Landesinnern. Kein Wunder: Mosambik verfügt über nahezu 2800 Kilometer Küste. Die Ausbeutung der eigenen Fischgründe ist zum unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor geworden. Mit der Ausfuhr von Garnelen, Hummer und Shrimps erzielt Mosambik rund die Hälfte seiner Exporteinnahmen. Die Europäische Union hat sich Fangrechte vor der mosambikanischen Küste gekauft, und auch die hochindustrialisierte japanische Flotte darf in Mosambiks Gewässern ihre Netze auswerfen - dafür bezahlen die Japaner den Wiederaufbau von Brücken. Der südafrikanische Konzern JCI, einer der ersten mit schwarzem Management, will in Mosambik ein Stahlwerk bauen, der britische Lonrho - Konzern kontrolliert den Baumwollanbau, und ein südafrikanisch - europäisch - asiatisches Konsortium hat Mitte 1998 den Grundstein für eine der größten Aluminiumschmelzen der Welt gelegt. Es ist selten, dass mosambikanische Namen in Verbindung mit großen, privaten Wirtschaftsunternehmen fallen, denn die Vergangenheit wirkt nach. Unter der portugiesischen Kolonialherrschaft hatte die einheimische Bevölkerung kaum Zugang zu Bildung und schon gar nicht zu Kapital, und während der sozialistischen Wirtschaftspolitik in den ersten 15 Jahren der Unabhängigkeit waren selbstständige Unternehmer nur begrenzt erwünscht.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Teilung des Landes in Süden, Zentrum und Norden. Die Portugiesen achteten während ihrer Herrschaft mehr darauf, gewinnbringende Beziehungen zu den Nachbarstaaten zu etablieren als die wirtschaftliche Einheit der Kolonie zu fördern. Bis heute ist es auf dem Landweg sehr mühsam und auf dem Luftweg sehr teuer, Mosambik vom Süden bis in den Norden zu durchqueren, obwohl das Land über drei große Eisenbahnlinien verfügt. Diese führen jedoch nur von Osten nach Westen bzw. umgekehrt: Die südlichste verbindet das südafrikanische Johannesburg mit dem Hafen von Maputo, die Beira - Linie ermöglichte und ermöglicht dem früheren Rhodesien und heutigen Simbabwe, seine Exporte zur Küste des indischen Ozeans zu transportieren, und im Norden verbindet eine Eisenbahnlinie - teils frisch rehabilitiert, teils noch unterbrochen - den Nachbarstaat Malawi mit der mosambikanischen Hafenstadt Nacala. Auch heute konzentrieren sich die Förderprogramme der internationalen Geber und die Pläne der Privatinvestoren auf die Regionen entlang der Eisenbahnlinien. Der Rest des Landes hingegen wird eher vernachlässigt.

Es war genau diese enge Vernetzung und finanzielle Abhängigkeit von den damals rassistischen, streng antikommunistischen Nachbarstaaten, die dem unabhängigen Mosambik zum Verhängnis wurde. Der Boykott des Nachbarn Rhodesien und später der Südafrikaner, die zudem die Rebellenarmee RENAMO aktiv unterstützten, trieb den jungen Staat Mitte der 80er Jahre in die Pleite, zumal auch manches sozialistische Wirtschaftsexperiment mißglückte. 1987 trat Mosambik gezwungenermaßen dem IWF und der Weltbank bei und unterwarf sich den strengen Regeln der Strukturanpassungsprogramme: Der Staatshaushalt wurde zusammengestrichen, der Staatsapparat gestrafft, Angestellte wurden entlassen, Staatsunternehmen auf Produktivität getrimmt und privatisiert, Subventionen für Lebensmittel gestrichen und Gebühren für Schulen, Lehrmaterial und medizinische Betreuung eingeführt. Und vor allem mußte Mosambik seine Auslandschulden bedienen. All dies traf das Land noch während des Bürgerkriegs, im Verlaufe dessen die Rebellenbewegung RENAMO fast 40 Prozent aller Schulen, viele Gesundheitszentren und zahlreiche Brücken und andere wichtige Teile der Infrastruktur zerstört hatte.

S either haben die Wirtschaftspolitiker zwar die Inflation in den Griff bekommen, und offiziell wächst das Bruttoinlandsprodukt seit dem Friedensschluss jedes Jahr um mehrere Prozent. Aber die Bevölkerung zahlte und zahlt für die Sparpolitik einen hohen Preis. Die Arbeitslosigkeit ist gewachsen, weil Staat und privatisierte Unternehmen viele Angestellte entlassen haben. Das Lohnniveau ist erheblich gesunken. 1986 konnte sich eine Familie von einem Mindestlohn noch die zweieinhalbfache Menge an Grundnahrungsmitteln kaufen, die sie pro Monat benötigte. 1991 reichte der Lohn nur für die Hälfte des eigentlichen Bedarfs. Heute - bei einem Mindestlohn von umgerechnet 50 Mark - ist es gerade noch ein Drittel. Konsequenterweise bedeutet dies, dass keine Familie mehr von dem üblichen Mindestlohn allein leben kann.

Doch trotz strengem Sparkurs und Tilgung sind die Schulden nicht weniger geworden. 1993 entsprach Mosambiks Schuldenberg von 5,2 Milliarden $ über 400 Prozent des eigenen Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: das vereinte Deutschland war im gleichen Jahr gemessen an seinem Bruttosozialprodukt mit rund 43 Prozent verschuldet. Mittlerweile haben Weltbank und die westlichen Gläubigerstaaten Mosambik zwar einen Schuldenerlass gewährt, der auch die Summe der jährlichen Rückzahlungen verringert. Dennoch sei Mosambik mit Tilgung und Zinsen weiterhin unerträglich hochbelastet, meinen entwicklungspolitische Organisationen und verweisen auf Deutschland, diesmal im Jahr 1953: Damals setzte die Bundesregierung im Londoner Schuldenabkommen einen maximalen Schuldendienst von 5 Prozent der Exporteinnahmen durch - mehr sei nicht tragbar, ohne den Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes zu gefährden, argumentierten damals die westdeutschen Verhandlungsführer. Mosambik jedoch soll jedes Jahr gemessen an seinen Exporteinnahmen - fünf mal so viel wie damals Deutschland ans Ausland abbezahlen.

Jule Reimer in:  Deutsche Welthungerhilfe: Länderheft Mosambik, Bonn, März 1999

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