| Die Stadt der gestrandeten Männer |
Im
Stacheldraht verfangen Sie ist Geisterstadt und Goldgräberstadt - wilder Westen im Süden Afrikas. Die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Südafrika und Mosambik: Die Grenze saugt die Männer an: Wanderarbeiter aus Cabo Delgado, Nampula oder Niassa - aus den entlegensten Ecken Mosambiks. Hier in Ressano Garçia, an der Grenze nach Südafrika, kreuzen sich ihre Wege. Sie haben ihre Familien und die vertrockneten Maisfelder verlassen, und alle haben dieselbe Hoffnung: in Südafrika Arbeit zu finden. Doch dort liegt die Arbeitslosigkeit bei fünfzig Prozent. Für illegale Einwanderer gibt es Hungerlöhne und Fußtritte. Die Männer sitzen in den Barracas, den Bretterkneipen, und besaufen sich. In dieser Stadt will niemand bleiben; man ist auf der Durchreise hängen geblieben. Wie Treibgut werden sie angeschwemmt: Ressano Garçia ist die Stadt der gestrandeten Männer. [ Seitenanfang ] Im Stacheldraht verfangen
»Jump the fence« - über den Zaun springen; darum dreht sich das Leben in
Ressano Garçia. Von der Stadt aus ist der Grenzzaun zu sehen: Bergab zieht er
sich bis zum Ufer des Rio Incomati, auf der anderen Seite des Flusses weiter
durch karges, dorniges Buschland, schnurgeradeaus in Richtung Norden. Der Zaun
ist stark, hoch und gut befestigt. Bei Nacht wird er beleuchtet. Die Stadt:
Drei, vier Straßenzüge am Hang, oberhalb davon eine kleine, schäbige Kirche.
Unten der Bahnhof: Geschwungene Formen in schmutzigem Grün, ein Säulengang -
blasse Erinnerung an bessere Zeiten. Ein paar Kneipen, ein paar Läden. Aus einem
Megaphon an der Moschee scheppert der Gesang des Muezzin. Ab und zu schlängelt
sich ein Auto im Schrittempo zwischen den Schlaglöchern hindurch. Unten am Fluß
das Viertel der Armen - staubige Wege zwischen Hütten aus Pappe und Schilf. [ Seitenanfang ] Goldrausch
Es gibt nicht nur die Verlierer in Ressano Garçia; die abgerissenen
Gestalten, die nachts in den Büschen hocken und den Zaun anstarren, in Erwartung
des passenden Augenblickes, um es wieder einmal zu versuchen. Es gibt auch
Gewinner wie Fernando Domingos, 39 Jahre. Zusammen mit 150 anderen Männern steht
er an der Transtate-Haltestelle. Der Sattelschlepper-Bus wird ihn heute nacht
nach Südafrika bringen, ganz legal. Diese Männer haben das, wovon alle hier
träumen: einen Arbeitsvertrag für die Goldminen. In langer Reihe stehen sie am
Bus, die kostbaren Verträge in der Hand. Was er verdienen wird? Fernando
Domingos lacht: wie soll er das wissen? Er wird Geld machen, und in einem Jahr,
wenn sein Vertrag endet, wird er zu seiner Familie zurückkehren, mit einem
dieser Busse aus Südafrika, die täglich nach Ressano Garçia kommen - voll
beladen mit Möbeln und Geschenken, sogar mit Fernsehern und Fahrrädern. Rollende
Verheißungen eines besseren Lebens. [ Seitenanfang ] Armes AfrikaArbeiter, die aus den Minen zurückkehren, hauen in Ressano Garçia ihr Geld auf den Kopf. Hier gehören Gewalt und Prostitution zum Alltag. Es kommen auch Einwanderer aus Südafrika: Buren, die nicht aus Not die Grenze überqueren. Sie wittern großes Geld. Mit schwerem Traktoren, mit Wasserpumpen und Hausrat kommen sie nach Mosambik, um sich billiges Farmland zu sichern. Überall im Land stecken die Buren ihre Claims ab. Viele von ihnen wandern illegal ein: Sie haben Kraft und Entschlossenheit, sie haben Geld, um ein paar Distriktbeamte zu schmieren, und Waffen, um ein paar Kaffern zu verscheuchen. Ganz nach dem Vorbild ihrer Ahnen, der Voortrekker, deren Legende lebendig ist im Land der Buren. In Mosambik finden sie, was sie suchen: Weites, wildes, armes Afrika. Viele Wege kreuzen sich in Ressano Garçia, der Stadt auf der Grenze. Es ist eine wilde und schläfrige Stadt, ein lethargisches Pulverfaß. Es kursieren brutale Geschichten, es patrouilliert die Miliz. Auf der Straße steht eine Ziege. Kinder spielen Fußball, Männer schauen zu, stundenlang. Text: Stephan Stolze [ Seitenanfang ]
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