Die Stadt der gestrandeten Männer

Im Stacheldraht verfangen
Goldrausch

Armes Afrika

Sie ist Geisterstadt und Goldgräberstadt - wilder Westen im Süden Afrikas. Die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Südafrika und Mosambik: Die Grenze saugt die Männer an: Wanderarbeiter aus Cabo Delgado, Nampula oder Niassa - aus den entlegensten Ecken Mosambiks. Hier in Ressano Garçia, an der Grenze nach Südafrika, kreuzen sich ihre Wege. Sie haben ihre Familien und die vertrockneten Maisfelder verlassen, und alle haben dieselbe Hoffnung: in Südafrika Arbeit zu finden. Doch dort liegt die Arbeitslosigkeit bei fünfzig Prozent. Für illegale Einwanderer gibt es Hungerlöhne und Fußtritte. Die Männer sitzen in den Barracas, den Bretterkneipen, und besaufen sich. In dieser Stadt will niemand bleiben; man ist auf der Durchreise hängen geblieben. Wie Treibgut werden sie angeschwemmt: Ressano Garçia ist die Stadt der gestrandeten Männer.

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Im Stacheldraht verfangen

Mann
Foto: Veit Mette

»Jump the fence« - über den Zaun springen; darum dreht sich das Leben in Ressano Garçia. Von der Stadt aus ist der Grenzzaun zu sehen: Bergab zieht er sich bis zum Ufer des Rio Incomati, auf der anderen Seite des Flusses weiter durch karges, dorniges Buschland, schnurgeradeaus in Richtung Norden. Der Zaun ist stark, hoch und gut befestigt. Bei Nacht wird er beleuchtet. Die Stadt: Drei, vier Straßenzüge am Hang, oberhalb davon eine kleine, schäbige Kirche. Unten der Bahnhof: Geschwungene Formen in schmutzigem Grün, ein Säulengang - blasse Erinnerung an bessere Zeiten. Ein paar Kneipen, ein paar Läden. Aus einem Megaphon an der Moschee scheppert der Gesang des Muezzin. Ab und zu schlängelt sich ein Auto im Schrittempo zwischen den Schlaglöchern hindurch. Unten am Fluß das Viertel der Armen - staubige Wege zwischen Hütten aus Pappe und Schilf.
Noch vor wenigen Jahren herrschte hier Krieg; die Straßen wurden von Panzern durchgepflügt. Ein dreißigjähriger Krieg: Erst der Befreiungskampf gegen die portugiesischen Kolonialherren; dann der Bürgerkrieg zwischen der sozialistischen Frelimo-Regierung und den Rebellen der Renamo, die von der Apartheid-Regierung Südafrikas bezahlt wurden. Im Grenzgebiet waren die Kämpfe besonders heftig; in Südafrika hatten die »Bandidos« der Renamo ihre Rückzugsgebiete. Von dort starteten sie ihre Attacken auf Polizeistationen, auf Dörfer, auf Überlandbusse.
Seit 1992 herrscht Frieden - ein Frieden, dem niemand traut. In diesem Land gehört der Krieg zum Leben wie die Armut und die Trockenheit. Der Frieden kann nur eine flüchtige Laune der Natur sein. So kehren die Flüchtlinge nur zögernd in ihr Land zurück. Was erwartet sie in ihren Dörfern? Vielfach sind Felder und Brunnen vermint, Bewässerungssysteme zerstört. Keine Schulen, keine Ärzte, kein Geld für die erste Aussaat. Viele zurückgekehrte Flüchtlinge bleiben in Ressano Garçia stecken; in den armseligen Hütten am Fluß.
Dazu kommen die Illegalen, die aus Südafrika abgeschoben wurden. Jeden Tag werden ein paar hundert Deportados am Bahnhof abgeladen. Einer heißt Joshua Dziva, 25 Jahre. Drei Jahre lang hat er als illegaler Maurer in Südafrika gearbeitet, dann wurde er aufgegriffen. Er kommt aus Bulawayo/Zimbabwe, tausend Kilometer von hier, doch man verfrachtete ihn nach Mosambik. Sein Geld nahm man ihm ab. Schwach sieht er aus, mutlos und erledigt. Dabei hat er noch Glück: Im Krankenhaus hatte jemand Mitleid, ein paar Tage kann er dort bleiben. Was er vorhat? Seine müde Handbewegung erinnert an ein startendes Flugzeug. Jump the fence.

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Goldrausch

Mann in Unterkunft
Foto: Veit Mette

Es gibt nicht nur die Verlierer in Ressano Garçia; die abgerissenen Gestalten, die nachts in den Büschen hocken und den Zaun anstarren, in Erwartung des passenden Augenblickes, um es wieder einmal zu versuchen. Es gibt auch Gewinner wie Fernando Domingos, 39 Jahre. Zusammen mit 150 anderen Männern steht er an der Transtate-Haltestelle. Der Sattelschlepper-Bus wird ihn heute nacht nach Südafrika bringen, ganz legal. Diese Männer haben das, wovon alle hier träumen: einen Arbeitsvertrag für die Goldminen. In langer Reihe stehen sie am Bus, die kostbaren Verträge in der Hand. Was er verdienen wird? Fernando Domingos lacht: wie soll er das wissen? Er wird Geld machen, und in einem Jahr, wenn sein Vertrag endet, wird er zu seiner Familie zurückkehren, mit einem dieser Busse aus Südafrika, die täglich nach Ressano Garçia kommen - voll beladen mit Möbeln und Geschenken, sogar mit Fernsehern und Fahrrädern. Rollende Verheißungen eines besseren Lebens.
'Nicht alle Männer an der Haltestelle sind so unbekümmert wie Fernando Domingos. Ältere Männer sind darunter, die schon als Mineiros gearbeitet haben. Sie wissen, was sie in Südafrika erwartet: Überfüllte Arbeiterwohnheime und Zwölfstundenschichten unter Tage. Als ungelernte Billiglohnarbeiter sind die Mosambikaner die letzten Glieder in der Kette. Wie lange hält man so ein Leben durch? Vielen, die hier ihre Arbeitskraft zu Markte tragen, sieht man an, daß ihre Kraft verbraucht ist. Am Steuer der Zugmaschine sitzt ein dicker weißer Mann und läßt den Diesel warmlaufen.

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Armes Afrika

Arbeiter, die aus den Minen zurückkehren, hauen in Ressano Garçia ihr Geld auf den Kopf. Hier gehören Gewalt und Prostitution zum Alltag. Es kommen auch Einwanderer aus Südafrika: Buren, die nicht aus Not die Grenze überqueren. Sie wittern großes Geld. Mit schwerem Traktoren, mit Wasserpumpen und Hausrat kommen sie nach Mosambik, um sich billiges Farmland zu sichern. Überall im Land stecken die Buren ihre Claims ab. Viele von ihnen wandern illegal ein: Sie haben Kraft und Entschlossenheit, sie haben Geld, um ein paar Distriktbeamte zu schmieren, und Waffen, um ein paar Kaffern zu verscheuchen. Ganz nach dem Vorbild ihrer Ahnen, der Voortrekker, deren Legende lebendig ist im Land der Buren. In Mosambik finden sie, was sie suchen: Weites, wildes, armes Afrika.

Viele Wege kreuzen sich in Ressano Garçia, der Stadt auf der Grenze. Es ist eine wilde und schläfrige Stadt, ein lethargisches Pulverfaß. Es kursieren brutale Geschichten, es patrouilliert die Miliz. Auf der Straße steht eine Ziege. Kinder spielen Fußball, Männer schauen zu, stundenlang.

Text: Stephan Stolze
Fotos: Veit Mette

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