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Antonia
Gefährliche
Idylle
Dorftheater
Kampagne gegen Minen
Carlota Machava ist Bäuerin. Sie lebt im Dorf Macassane in Mosambik, im
Südosten Afrikas. Fast dreißig Jahre lang herrschte in diesem Land Krieg.
Carlota verlor ein Bein, als sie bei der Feldarbeit auf eine Landmine trat. Sie
verlor auch ihren Mann, der im Krieg ums Leben kam. Ihre vier Kinder muß sie
allein durchbringen.
Seit 1992 herrscht Frieden in Mosambik, doch die Folgen des Krieges sind noch
längst nicht überwunden. Mehr als fünf Millionen Menschen wurden entwurzelt; 1,7
Millionen verließen als Flüchtlinge das Land. Viele kehren erst jetzt zögernd in
ihre Heimat zurück. Unzählige Familien wurden durch den Krieg zerrissen; 250.000
Kinder wurden zu Waisen, eine Million Menschen kamen ums Leben. Noch heute
glauben viele Mosambikaner nicht daran, dass der Frieden Bestand haben wird.
Jahrzehntelang waren sie es gewohnt, dass der Krieg zu ihrem Alltag gehört.
Es war die Rebellenorganisation "Renamo", die im ganzen Land Überfälle auf
Busse, auf Bauernhöfe, auf Dörfer beging. Es herrschte Angst und Schrecken in
Mosambik. Die Renamo kämpfte mit Unterstützung des südafrikanischen
Apartheid-Regimes gegen die sozialistische Regierung.
Ein besonders schlimmes Erbe des Krieges sind die zwei Millionen "Minas" -
die Landminen, die im ganzen Land verstreut sind. Mit Schildern und Plakaten
werden die Menschen vor der Gefahr der Minen gewarnt: "Nao brinca com minas" -
Spielt nicht mit Minen! Die Sprache ist Portugiesisch, denn früher war Mosambik
eine portugiesische Kolonie. Minen wurden von der Regierung verlegt, um Dörfer
vor Rebellenangriffen zu schützen, oder von den Rebellen, die zum Beispiel die
Wege auf die Felder oder zum Dorfbrunnen vermint haben. Solche Brunnen sind
lebenswichtig in Afrika. Wenn die Brunnen nicht erreichbar sind, wird das
Überleben im Dorf unmöglich. In einem verminten Gebiet im Dorf Mbenhane wurde
vom Kinderhilfswerk terre des hommes ein neuer Brunnen gebaut, damit die Frauen
wieder gefahrlos Wasser holen können. Doch wer den schmalen Weg zum Brunnen
verlässt, kann auf eine Mine treten.
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| Foto: Veit Mette |
Antonia ist 21 Jahre alt. Sie sitzt auf dem Gehsteig in der Stadt Inhambane
und läßt sich von ihrer kleinen Schwester frisieren. "Der Unfall hat mein ganzes
Leben zerstört", sagt Antonia. Vierzehn Jahre alt war sie, als sie beim Sammeln
von Nüssen auf eine Mine trat. Das linke Bein musste amputiert werden. "Ich habe
zwar geheiratet, aber mein Mann behandelt mich schlecht", erzählt sie. Noch
heute gibt sie sich selbst die Schuld an ihrem Schicksal: „Wir durften dort
keine Nüsse pflücken. Ich hätte gehorchen sollen", sagt sie - so als sei der
Verlust eines Beines die gerechte Strafe.
Antonia braucht dringend eine neue Prothese. Die alte ist an mehreren Stellen
brüchig und notdürftig zusammengeflickt, und sie verursacht ständige Schmerzen.
Doch es ist schwierig, in Mosambik eine gute Prothese zu bekommen. Nur in der
Hauptstadt Maputo gibt es Werkstätten für Prothesen. Die Reise dorthin ist aber
für die meisten unerschwinglich. Darum müssen viele Minenopfer ohne Prothesen
ihr Leben meistern.
In einer Werkstatt in Maputo werden Beinprothesen für Minenofer hergestellt.
Es gibt viele verschiedene Formen von Prothesen. Heute erlaubt es die Technik,
dass Minenopfer mit einer Prothese wieder ohne Schmerzen laufen können. Doch es
dauert lange, sich an die neuen künstlichen Beine zu gewöhnen; darum werden die
Patienten für einige Wochen aufgenommen. Die Gehhilfen werden angepasst, und dann
wird lange geübt. Anfangs bewegt man sich sehr unsicher mit dem neuen
künstlichen Bein. Aber nach einigen Tagen ist es möglich, aufrecht und ohne
Krücken zu gehen. Für Patienten, die jahrelang auf eine Prothese gewartet haben,
ist das ein großer Glücksmoment. Andere werden den Schock des Unfalls wohl nie
überwinden. Ein Mädchen sitzt stundenlang regungslos zusammengekauert auf einem
Stuhl. Sie hat bei einer Minenexplosion beide Augen verloren. Dringend bräuchte
sie Hilfe durch einen Psychologen, doch solche Behandlungen für Minenopfer gibt
es bisher nicht.
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Die Region rund um die Provinzhauptstadt Inhambane ist berühmt für ihre
Kokospalmen. Die Landschaft ist idyllisch, doch auch hier lauern viele Minen.
Vasco David ist Minenräumer. Er erzählt von den Problemen bei der Beseitigung
der Minen: „Es fehlt uns Geld, und es fehlen Fachleute. Aber das größte Problem
ist es, die Minen zu finden, denn es gibt kaum Aufzeichnungen über Minenfelder,
die im Krieg angelegt wurden."
Nicht weit von hier liegt die Kleinstadt Homoine. Dort ermordete die Renamo
1986 bei einem Massaker 400 Menschen. Um den Ort vor solchen Angriffen zu
schützen, legte die Regierung danach den Minenring um die Stadt. Vasco David und
seine Männer sind damit beschäftigt, diese Minen zu räumen. Es ist eine schwere
und gefährliche Arbeit. Bänder markieren die Bereiche, die bereits geräumt
wurden. Die Arbeiter dürfen sich nur innerhalb dieser Absperrungen aufhalten.
Auf der anderen Seite herrscht Lebensgefahr.
Zu jedem Räumtrupp gehört ein Sanitäter. Verbandszeug und Medikamente zur
Ersten Hilfe sind jederzeit griffbereit. Zentimeter für Zentimeter wird der
Boden nach Minen abgesucht. Erst wird das Gras kurzgeschnitten, dann wird der
Boden mit einem Metalldetektor untersucht. Alle 20 Minuten müssen die Männer
eine Pause machen, denn sonst läßt die Konzentration nach. Höchste
Aufmerksamkeit und Sorgfalt ist lebenswichtig in diesem Job. Quälend langsam
tasten sich die Minenräumer vorwärts: Es wird es noch Jahrzehnte dauern, bis
alle Minen in Mosambik beseitigt sind.
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| Foto: Veit Mette |
Oft werden die knallroten Totenkopf-Warnschilder auf den Minenfeldern geklaut
und zu Hause aufgehängt - oder auch an Autos oder Lastwagen. Die Leute, die das
tun, vergessen, daß dadurch schlimme Unfälle passieren können. Denn ohne die
Schilder sind Minenfelder nicht zu erkennen. Den Menschen in Mosambik muß
erklärt werden, daß sie die Warnschilder nicht wegnehmen dürfen. Und besonders
die Kinder müssen über die Gefahren von Landminen aufgeklärt werden.
Eine Theatergruppe des mosambikanischen Roten Kreuzes fährt von Dorf zu Dorf,
um die Leute über Minen zu informieren. Das Kinderhilfswerk terre des hommes
unterstützt diese Arbeit. Wenn die Gruppe in ein Dorf kommt, hängt sie
Transparente auf, um zu zeigen, wie Minen aussehen. Für die Dorfbewohner ist der
Auftritt etwas ganz Besonderes. Alle sind zusammengekommen, um die Gruppe zu
sehen.
Auch José Moises ist dabei. Er kennt die Gefahr der Minen. Während des
Krieges war er Soldat. Bei einer Nachtwache in der Nähe seines Militärlagers
trat er auf eine Mine. Sein rechtes Bein wurde abgerissen. José Moises
betrachtet das Informationspapier, das die Leute vom Roten Kreuz mitgebracht
haben. Auch hier wieder die rote Warnung: "Achtung Minen!" Darunter werden Minen
und Granaten gezeigt. Wer sie findet, darf nicht damit spielen: „Diese
Gegenstände können töten!"
Mit Tänzen und Liedern, mit Theaterstücken und Spielen erklärt die Gruppe vom
Roten Kreuz, warum Minen so gefährlich sind. Spielerisch sollen die Kinder die
Botschaft verstehen. In dem Theaterstück wird ein Mann gezeigt, der einen großen
Fehler macht: Weil er es eilig hat, nimmt er eine Abkürzung und geht durch ein
Minenfeld. Plötzlich gibt es einen lauten Knall, eine Mine ist explodiert. Der
Mann ist schwer verletzt.
So bekommen die Kinder einen Eindruck davon, was ein Minenunfall bedeutet.
Sie wissen jetzt, daß sie unter keinen Umständen in ein Minenfeld gehen dürfen.
Informationsprogramme wie dieses können Leben retten.
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Überall in Mosambik trifft man Opfer von Landminen. Margarida ist 15 Jahre
alt. Sie hat nicht nur ihr Bein durch eine Mine verloren. Auch ihre Familie kam
im Krieg ums Leben. Zusammen mit anderen obdachlosen Jugendlichen lebt Margarida
in der Hauptstadt Maputo in einem verfallenen Haus.
Auch die vierzehnjährige Paulina hat während des Krieges ihr Bein verloren.
Danach flüchtete sie mit ihrer Familie aus Mosambik. Inzwischen lebt sie wieder
in ihrer Heimat und kann eine Dorfschule besuchen, die von terre des hommes
gebaut wurde.
Das Kinderhilfswerk terre des hommes ist Mitglied der Internationalen
Kampagne gegen Landminen, die 1997 den Friedensnobelpreis erhalten hat. In
vielen Ländern setzt sich terre des hommes gegen Landminen ein - damit sich die
Kinder wieder frei und ohne Angst bewegen können.
Stephan Stolze, Terre des Hommes
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