Neoliberalismus und Kinderarbeit tdh-Logo
Der Neoliberalismus fördert die Kinderarbeit in Lateinamerika

Nach dem Gesetz können Jugendliche in Lateinamerika vom 14. (zum Beispiel Peru, Kolumbien, Bolivien) oder 15. Lebensjahr (Chile) an mit Erlaubnis der Erziehungsberechtigten und mit gewissen Einschränkungen, insbesondere was die Arbeitszeit betrifft, beschäftigt werden; unter Umständen auch schon früher, sofern sie ihre Schulpflicht erfüllt haben. Dies entspricht den durch die Konvention Nr. 138 und 146 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) vorgegebenen internationalen Standards. Erst ab 18 dürfen Jugendliche uneingeschränkt arbeiten. Damit erfüllt Lateinamerika die Anforderungen internationaler Konventionen zum Schutz der Rechte des Kindes: Kinderarbeit ist gesetzlich verboten.

Die Wirklichkeit sieht anders aus

Die wachsende Verarmung der - je nach Land - unteren 30 bis 70 % der lateinamerikanischen Bevölkerung ist nicht zu leugnen und auch statistisch nachweisbar. Zwischen 1980 und 1990 erhöhte sich die Zahl der Armen in Lateinamerika von 109 auf 189 Mio. bei einer Gesamtbevölkerung (1990) von 448 Mio. Die von Internationalen Währungsfond (IWF) und Gutverdienenden bejubelten steigenden Bruttosozialprodukte haben nicht zu einem ausgewogeneren regionalen Einkommenswachstum oder sozialen Einkommensverteilung geführt - von gerecht traut sich ja längst niemand mehr zu sprechen. Unabhängig davon, ob man Chile, Bolivien oder Kolumbien betrachtet: überall sind die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden in den letzten 15 Jahren neoliberaler Strukturanpassung.

Konnte bis Anfang der 80er Jahre ein Arbeiter oder Lehrer seine durchschnittlich 5-köpfige Familie noch mit dem Nötigsten versorgen, so stellt sich dies mittlerweile als nicht mehr ausreichend dar. Neben der Frau müssen seit Mitte der 80er Jahre auch zunehmend die Kinder mitverdienen. Der "typische Vater” der randstädtischen Viertel - soweit er faßbar ist, denn in gut einem Drittel der ärmsten Familien ist der Vater nicht präsent - erwirtschaftet heute nur noch knapp 2/3 des zum Überleben notwendigen Einkommens, den sog. Überlebenswarenkorb. Um den Rest müssen Frau und Kinder sich kümmern. Spricht man seit etwa Mitte der 80er Jahre von der "Feminisierung der Armut”, so könnte man mittlerweile durchaus von der "Infantisierung der Armut” sprechen, denn mit jedem Tag wächst die Zahl der arbeitenden Kinder in den Straßen der Städte.

Laut Vereinten Nationen (UN) gibt es heute ca. 300 Mio. Kinderarbeiter unter 15 Jahren weltweit. Ende der 70er Jahre waren es 52 Millionen. Innerhalb eines Jahrzehnts stieg ihre Zahl im Zuge der wirtschaftsliberalen Strukturanpassungen schlagartig auf 200 Millionen an. Für das Ende der 90er prognostiziert man 375 Mio. In Lateinamerika schätzt man ihre Zahl Mitte der 90er Jahre auf mindestens 60 Millionen.

Kinderarbeit konzentriert sich auf die Landwirtschaft und den informellen, nicht regulierten Wirtschaftsbereich. Jeder kennt die Bildern mit den kleinen Zeitungsjungen, Straßenverkäuferinnen, Schuhputzern, Kleinbusschaffnern oder in der Landwirtschaft mithelfenden Mädchen und Jungen.

In den letzten 15 Jahren sehen wir uns allerdings wieder zunehmend Situationen eindeutig ausbeuterischer Kinderarbeit gegenüber, wo Kinder ihr Recht auf Erziehung und Bildung nicht wahrnehmen können, weil sie rund um die Uhr malochen müssen. Im günstigeren Fall sind dies Handlangertätigkeiten im Rahmen des Familienbetriebes, an der Seite der Mutter oder in einer nahegelegenen Werkstatt. Aber es gibt auch Jungen, die ohne Rücksicht auf ihre Interessen und körperliche Leistungskraft in Tongruben oder Bergwerken schuften, oder Mädchen, die in illegalen Fabriken 10 Stunden am Tag nähen oder an "die Tante” in der Stadt abgegeben werden, wo sie wie Sklavinnen die Hausarbeit erledigen müssen oder als Kinderprostituierte sexuell ausgebeutet werden.

Sicher hat diese eindeutig menschenrechtsverletzende, ausbeuterische Kinderarbeit in Lateinamerika nicht den gleichen Umfang wie in Pakistan, Indien oder Thailand. Aber unserem Eindruck nach nimmt gerade die ausbeuterische und unsichtbare Kinderarbeit zu.
Eltern, die früher ihre Kinder vor derartigen Arbeiten noch geschützt haben, sehen sich aufgrund der schlechten Überlebensbedingungen mehr und mehr dazu veranlaßt, die Kinder "irgendwas” arbeiten zu lassen: "Hauptsache sie liegen uns nicht auf der Tasche." Ohne jegliche rechtliche, gesundheitliche oder soziale Absicherung werden schon 8 - 14-jährige in der Schattenwirtschaft, in Bergwerken und Goldminen, auf Zuckerrohrplantagen oder sexuell ausgebeutet.

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Ein Beispiel: Kinderarbeiter in den Bergwerken

Mit Unterstützung von terre des hommes führte die bolivianische Nichtregierungsorganisation "CEPROMIN" (Centro de Promoción Minera) 1996/97 eine kleine Studie über die Situation minderjähriger Minenarbeiter durch. Insgesamt wurden 342 Kinder und Jugendliche in drei zentralen Minenstandorten Boliviens - Llallagua, Potosí und Huanuni/Oruro - befragt, um Daten zu ihrer familiären, schulischen, wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Situation zu erhalten. Alle Minenstandorte liegen auf Höhen über 4000m mit einem kalt-trockenen Klima, in einer wüstenähnlichen Umgebung. Während CEPROMIN Struktur und Inhalte des Fragekatalogs entwarf, wurde die Untersuchung selbst von Jugendlichen der Region durchgeführt, die hierzu entsprechend vorbereitet wurden.

Ausgangspunkt der Untersuchung war die Beobachtung, daß die Zahl der arbeitenden Frauen, Kinder und Jugendliche seit 1985 deutlich ansteigt. Ihre Tätigkeiten besteht darin, erzhaltiges Material aus dem Gestein herauszuschlagen, aufzusammeln und aufzuladen. Währenddessen versorgen die Mädchen die jüngeren Geschwister, halten das Haus in Ordnung, bereiten das Essen und bringen es den älteren Geschwistern und Eltern zur Mine raus.

Untersucht und befragt wurde die Altersgruppe der 8- bis 18-Jährigen. Während von den 8-13 Jährigen jeweils etwa 6% des Jahrgangs arbeiten, verdoppelt sich dieser Anteil bei der älteren Gruppe. Bei den 15-Jährigen sind es sogar 15,2%. Den höchsten Anteil arbeitender Kinder zwischen 8 und 12 Jahren findet man am berühmten Silberberg "Cerro Rico" in Potosi. Insgesamt 10% aller befragten Kinder gehen nicht zur Schule, davon hat die Hälfte nie eine Schule besucht, die anderen nur ein, zwei Schuljahre. Von den 342 Befragten arbeiten 221 (65%) direkt im Bergbau. Die Übrigen verrichten Hilfstätigkeiten auf den Märkten und in Werkstätten. 72% arbeiten zwischen 8 und 10 Stunden täglich. Insgesamt 49,4% arbeiten täglich mehr als 8 Stunden. Das Gesetz erlaubt den unter 18-Jährigen bis zu 6 Stunden.
Die Mehrheit der kleinen Minenarbeiter benutzt einfaches Gerät, wie Schaufel und Pike. Immerhin 23% arbeiten ohne jegliches Werkzeug, nur mit den Händen. Obwohl das Jugendschutzgesetz europäischem Standart vergleichbare Schutzbestimmungen enthält, bestimmte gefährliche und gesundheitsschädigende Tätigkeiten ausdrücklich verbietet (Steinbrüche, Minen, etc.), regelmäßige staatliche Kontrollen und einen Arbeitsvertrag verlangt, wird hiergegen täglich und tausendfach verstoßen. Nur 5 der 342 Kinder hatten einen Arbeitsvertrag. In allen Fällen waren es Einjahresverträge, d.h. sie haben keinerlei Anspruch auf soziale Rechte (Versicherung, Arbeitslosengeld) und Vergünstigungen. 98,6% der Kinder arbeiten somit illegal. 72,5% verdienen monatlich 300 Bolivianos (etwa 100 DM). Der gesetzliche Mindestlohn liegt derzeit bei 240 Bolivianos. Weniger als 2% sind gewerkschaftlich organisiert.
Nur 2% der Kinder gehören einer Krankenversicherung an. Dies obwohl 78% davon ausgehen, dass sie sich eine arbeitsbedingte Krankheit zuziehen werden (Lungenkrankheit, Tuberkulose, Rheuma).
Die große Mehrheit der Kinder kennt ihre Rechte nicht. Minenbesitzer wie Eltern sprechen nicht von Ausbeutung, sondern Mithilfe. Die großen Gefahren des Bergbaus werden nicht geleugnet, aber "gelten doch für alle".

Auch wenn zuverlässige Vergleichszahlen früherer Jahre nicht zu bekommen sind, ist offensichtlich, daß heute vielmehr Kinder in den Bergbaugebieten arbeiten als noch vor 10 bis 15 Jahren. Der Grund ist in den neoliberalen Wirtschaftsreformen der Jahre 1985 - 1990 zu sehen, als der Verkauf der staatlich geführten Bergwerke zur Entlassung von 32.000 Arbeitern führte. Der Arbeitsplatzverlust der Väter verschlechterte die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der Familien deutlich. In der einen oder anderen Form müssen alle Familienmitglieder heute mitanpacken um das Überleben der Familie zu sichern. Dabei wird kaum Rücksicht auf die Konstitution und Grenzen der Belastbarkeit der Kinder genommen. Die Pflicht zur Arbeit setzt sich über die Rechte des Kindes hinweg.

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Gemeinsam ausbeuterische Kinderarbeit bekämpfen

Solange es Armut gibt, wird es auch ausbeuterische Kinderarbeit geben. Und solange werden jegliche Versuche zu ihrer Verhinderung oder Appelle an die öffentliche Moral scheitern. Denn ohne diese zusätzliche Einnahmequelle wären Millionen von armen Familien um eine wichtige Überlebensmöglichkeit gebracht. Ihnen bliebe nur noch, um Almosen zu betteln.
Es sei denn es käme zu einer grundlegenden Verbesserung der sozialen Verhältnisse, wie etwa durch existenzabsichernde Mindestlöhne.

Aber darauf wollen die arbeitenden Kinder nicht warten. Es müssen jetzt flexiblere Instrumente gesucht werden, um einerseits ausbeuterische Formen von Kinderarbeit und Kindersklaverei effektiv zu bekämpfen und andererseits Kinderarbeitern zu ihren (Arbeitnehmer-) Rechten zu verhelfen.

Wo Arbeitgeber vorübergehende oder dauerhafte Eigentumsrechte über ein Kind haben, wo das Kind wird zur Ware, wo es seine Rechte auf Bildung, Freizeit, Spiel und Erholung nicht ausreichend wahrnehmen kann, müssen diese Kinder befreit und dabei unterstützt werden neue, selbstbestimmte Lebensperspektiven zu finden. Dies gilt im Fall der Kindersklaven, der Kinderprostitution und allen anderen Formen ausbeuterischer Arbeit zu der Kinder gegen ihren Willen gezwungen werden.

Ausgangsbasis ist die 1989 verabschiedete Kinderrechtskonvention der UN, die nicht nur den Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung fordert, sondern grundlegende menschenrechtliche Prinzipien zum Schutz und Förderung der Entwicklung von Kindern verlangt. Die Kinderarbeiter hören, sie ernst nehmen ist Grundvoraussetzung für sinnvolle Aktionen gegen die ausbeuterische Kinderarbeit.
Die arbeitenden Kinder selbst sehen dies recht realistisch: "Die Umstände zwingen uns zur Arbeit, aber wir bestehen dennoch darauf weniger und unter besseren Bedingungen zu arbeiten. Arbeit darf nicht zu Lasten unserer Ausbildung und Zukunft gehen".
Im Kern geht es ihnen, wie zahlreiche Dokumente der Bewegung der arbeitenden Kinder zeigen, um ihre Anerkennung als vollwertiger Mensch und Rechtssubjekt durch die Erwachsenenwelt. Dazu gehört auch die aktive Teilnahme von arbeitenden Kindern an internationalen Konferenzen zum Thema Kinderarbeit. In Kampf um ihr verbrieftes Recht auf freie Artikulation und Organisation hoffen sie auf die Unterstützung der Erwachsenen.

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Albert Recknagel

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