| Zirkus Parada Eine Reportage |
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Miloud Oukili macht aus Straßenkindern Stars Der Mann der Lachen schenkt von Christopher Matthews Klapperdürr und schmutzig schiebt sich der Zwölfjährige durch den Mittelgang des U-Bahn-Wagens in Bukarest und bettelt. In der einen Hand hält er eine Apfelsine, in der anderen einen Plastikbeutel mit einem Industriekleber drin. Wer die Dämpfe einatmet, kriegt glänzende Augen und betäubt sich das Hirn. "Lasset die Kindlein zu mir kommen", brabbelt der Junge immerzu vor sich hin. Einer der Fahrgäste nahm die Apfelsine. Doch statt dem Jungen Geld zu geben, holte der Mann zwei Äpfel aus seinem Rucksack. Dann setzte er sich eine rote Clownsnase auf und jonglierte die Früchte. Marian schaute ihm verblüfft zu. "Ich heiße Miloud", sagte der Jongleur. "Ich kann einen Assistenten brauchen." Worauf Marian ihm erwiderte, er könne eigentlich nichts richtig. "Egal",sagte der Mann", ich zeig's dir." Sie verabredeten sich für den nächsten Tag im Park am Nordbahnhof. Zirkus ist wie das Leben Im Dezember 1989 verfolgte Miloud Oukili in Paris wie Rumäniens verhasster Diktator Nicolae Ceausescu gestürzt wurde und danach das Land ins Chaos taumelte. Er hatte es irmmer verstanden, die Leute zum Lachen zu bringen. Aufgerüttelt durch die trostlosen Fernsehbilder aus Rumänien, überlegte der Artist Oukili, ob er den Menschen dort nicht irgendwie helfen könnte. Oukili hatte nur wenig Geld und sprach kein Rumänisch. Trotzdem flog der Zwanzigjährige spontan nach Bukarest. Am nächsten Tag im Park zeigte Oukili Marian, wie rnan mit zwei Bällen jongliert. Erst rnit der rechten Hand werfen,und wenn der Ball die maximale Höhe erreicht, mit der linken werfen. Die linke Hand fängt dann den rechten Ball und die rechte den linken. "Darf ich auch mal probieren", piepste eine Stimme neben ihnen. Es war Lucica, elf, auch ein Strassenkind. Sie hatte das Gesicht einer verschmierten Flickenpuppe. Lächelnd zeigte Oukili den beiden das Jonglieren mit zwei Bällen. In den nächsten Tagen und Wochen gingen sie zu drei Bällen über. Zwei Bälle kommen in die rechte Hand, der dritte Ball kommt in die linke. Die Revihenfolge ist rechts, links, rechts. Theoretisch ganz einfach. Aber in der Praxis zunächst schwierig. Denn die Bälle sind unglaublich schnell. Trotzdem kann nach einer Weile das Unmögliche gelingen. "Es braucht eben Übung", predigte Oukili unermüdlich. Nachts machten sie sich manchmal ein Feuer im Park. Die Kinder erzählten von ihrem harten Leben, Oukili hörte zu. Marians Vater war ein Trinker. Regelmäßig verprügelte er den Sohn. Eines Tages lief Marian von zu Hause weg und tat sich mit anderen Straßenjungen zusammen. Er erlernte Überlebenskünste, zum Beispiel, wie man mit einem Magneten Geld aus einem Münzfernsprecher zieht. Er sagte Bibelverse auf und schnüffelte wie so viele andere Klebstoff. Der sollte Kälte und Angst und den großen Kummer bannen. Die Mutter von Lucica ließ sich scheiden. Der klein Bruder zog zum Vater. Die Mutter liebte aber den Jungen abgöttisch und gar ihrer Tochtcr die Schuld an seinem Verschwinden. Sie prügelte Lucica oft. Eines Abends schlug sie mit einer Axt auf die Achtjährige ein. Dann schickte sie sie Zigaretten holen. Polizisten griffen die schwer verletzte Lucica auf. Drei Wochen lag sie im Krankenhaus. Lucica flüchtete nach Bukarest. Dort begegnete sie Marian und wurde in dessen Bande aufgenommen. Die Kinder sangen an Straßenecken oder erledigten Gelegenheitsarbeiten für Ladeninhaber. Mein Vater ist reich und hat mich sehr lieb, erzählte Lucica den anderen. Bald kommt er und holt mich ab. Nach und nach fanden sich auch die übrigen Bandenmitglieder bei Oukili im Park ein. Ein Jongleur ist beliebt, das wusste er, denn mit seinen fliegenden Kugeln und Keulen demonstriert er den Sieg des Geistes über die Materie. Und Oukili wusste, dass man nicht jonglieren kann, wenn man den Kopf voller Kleberdampf hat. "Der Zirkus ist wie das Leben". erklärte Oukili. "Trauriges, Komisches, alles ist drin. Nur ist das richtige Leben komplizierter." Von Paris nach Bukarest Oukili ist der Sohn eines algerischen Vaters und einer französischen Mutter. Er wuchs in Paris auf. Früh begriff er, dass er zwischcn zwei Stühlen saß.Weil er weder Franzose noch Araber war, bezog er von beiden Seiten Prügel. Dann merkte er, dass er jeden Schläger entwaffnen konnte, indem er ihn zum Lachen brachte. Sonntags nahm seine Mutter ihn mit in den Zirkus. Von da an wusste Oukili, was er einmal werden wollte : Clown. Er fühlte sich zu allen hingezogen, die das Leben ausgrenzt. Mit Kindern im Rollstuhl versuchte er sich anzufreunden oder mit Kindern, die Sprachstörungen hatten. Nach der Oberschule arbeitete Oukili mit seinem männlichen Profil und seinem schulterlangen Haar als Model und Dressman. So verdiente er an einem einzigen Tag mehr als seine Mutter, die Bankangestellte war, in einem Monat. Doch sein Traumberuf war ihm wichtiger. Oukili meldete sich an einer Artistenschule in Paris an und trat vor einigen Ladengeschäften als Clown auf. An guten Wochenenden sammelte Miloud Oukili 1.000 Mark ein. Viel weniger, als ihm die Dressman-Jobs eingebracht hatten, doch ihm reichte es. Chance Eines Tages erregten Miloud Oukili und seine rumänischen Nachwuchsartisten die Aufmerksamkeit eines Arztes vom Schweizer Zweig der humanitären Vereinigung Terre des Hommes. Die Leute bauten ein Zentrum für obdachlose Kinder auf. Der Arzt bat Oukili um Mithilfe. Sein Vorschlag: Die Kinder werden tagsüber im Zentrum versorgt, können Sport treiben und etwas lernen. Nachts jedoch blieb den Kindern nur die Straße. Und im November wurde es bitter kalt. Eines Abends wärmten sich die Kinder an einem Feuer im Park unweit vom Nordbahnhof. Plötzlich fragte Mia: "Wann verlässt du uns?" Die 14-Jährige hatte einen kleinen Sohn, der im Waisenhaus lebte, wo auch seine Mutter aufgewachsen war. "Noch lange nicht", antwortete Oukili begütigend. Beruhigt nahm Mia ihn bei der Hand und führte ihn zu einem Einstiegsschacht in der Nähe. "Hier wohnen wir", sagte sie. Es war das erste Mal, dass die Kinder ihm ihren Unterschlupf zeigten. Über eine Leiter kletterte Oukili hinunter in einen höhlenartigen Betonraum. Hier flackerten Kerzen, die die zwölf Bewohner aus Kirchen geklaut hatten. Auf dem Boden lagen alte Lumpen und Mäntel. Es stank, aber Oukili wusste, zumindest für diese Nacht musste er die Einladung annehmen. Im Zentrum für obdachlose Kinder vergrößerte sich Oukilis Artistik-Klasse auf über 30 Teilnehmer. Schließlich lud man sie ein, anlässlich des Internationalen Weltkindertages in Bukarest aufzutreten. An jenem Nachmittag erntete die Truppe für ihre 15-minütige Darbietung donnernden Applaus. Die Kinder waren sprachlos. Noch vor sechs Monaten hatten die Leute die Straßenkinder keines Blickes gewürdigt. Jetzt applaudierten sie ihnen. "Das ist der Zirkus", sagte Oukili lächelnd. "Das ist Leben." Auch Oukilis Leben änderte sich. Auf einem Kurzbesuch bei seiner Familie in Paris lernte er die Fotografin Hermine Bourgadier kennen. Sie war gerade von einem Afrikaeinsatz zurückgekehrt. Oukili und sie verliebten sich heftig in einander. Zwei Wochen später war Hermine bei ihm in Bukarest. Nach dem triumphalen Debüt der Kinder hagelte es Einladungen. Oukili stellte drei Truppen zusammen. Einmal, als er Marian und Lucica bei der Arbeit beobachtete, kam ihm zum Bewusstsein, was für einen weiten Weg sie seit ihrer ersten Begegnung zurückgelegt hatten. Damals kriegte Marian die Nase kaum aus der Leimtüte. Lucica, ungeheuer schnell und wendig, ließ sich von drei Partnern zugleich Keulen und Bälle zuwerfen, fing sie und warf sie zurück. Ohne Patzer. Und noch besser - allein mit ihrem Mienenspiel konnte sie ihr Publikum zum Lachen bringen oder zu Tränen rühren. Im Februar 1996 gründete Oukili eine Stiftung für die Straßenkinder von Bukarest. Er nannte sie Parada. Für die Probenarbeit wurde ein ausgemustertes Armeezelt beschafft. Jonglieren, Purzelbaum üben, malen, Suppe kochen, das waren die Hauptbetätigungen. Außerdem sorgte Oukili dafür, dass seine Parada - Kinder Schulen und Berufsausbildungs - Kurse besuchten. Für ein paar seiner Schüler mietete er fünf Wohnungen. Wer mit Auftritten Geld verdiente, beteiligte sich an der Miete. Parada baute eine Mannschaft aus 13 Verwaltungskräften und Pädagogen auf. Als die französische Botschaft in Bukarest 20 000 Dollar spendete, kaufte Oukili einen Lastwagen. Der kurvte jede Woche an vier Abenden durch die Stadt und versorgte bis zu 60 Straßenkinder mit warmer Suppe. Ärztliche Behandlung wurde auch gleich geliefert. Mittlerweile traten Oukili und seine Clowns zweimal die Woche in den Krankenhäusern der Stadt auf. Und sie gastierten in verschiedenen Waisenhäusern und Altenheimen. Auch ins Ausland wurden Oukilis Kinder eingeladen. Beim Karneval in Venedig "Aus Bukarest, Rumänien, nun die Jungs und Mädels von Parada", verkündete der Ansager laut am 16. Februar 1999 in Venedig. Die Stadt erlebte gerade den Höhepunkt ihres berühmten Karnevals. Ein Zirkusmarsch erklang. Die Kinder zogen ein, ließen dabei mit den Händen ihre Keulen, Reifen, Äpfel und Apfelsinen tanzen. Aber schon scheuchte Marian sie mit gellenden Tönen seiner Pfeife, die zwichen seinen dick geschminkten Lippen klemmte, von der Bühne. Dort stand er jetzt ganz allein in der Mitte. Aus seinem Mund quollen Pingpong-Bälle. Nach 35 Minuten atemberaubenr Akrobatik schwoll die Musik zur Schlussparade an. Das Publikum tobte vor Begeisterung. Die einen Artisten weinten vor Rührung. Ihre Schminke zerlief. Oukili umarmte jeden. "Das ist Zirkus", flüsterte er und hatte nun selber glänzende Augen. "Das ist Leben." Miloud Oukilis Stiftung verfügt heute über ein Jahresbudget von 55 000 Dollar. Ein Drittel davon kommt durch Auftritte herein. 600 Straßenkindern hat Parada bislang geholfen. 120 haben eine Artistenausbildung erhalten. Viele sind wieder bei ihren Familien. Marian ist heute einer der Artistik-Lehrer bei Parada. "Das Wichtigste, was ich und die anderen von Miloud gelernt haben, ist der Glaube an mich selbst", sagt er. "Das war die Basis für das Weitere." Lucica möchte studieren und dann in die Sozialarbeit mit Straßenkindern in Afrika gehen. Mia träumt von einer eigenen Wohnung, denn sie will ihren jetzt siebenjährigen Sohn zu sich nehmen. Am 23. November 1999 verlieh das Italienische Komitee für das Weltkinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) bei einer Feier in Siena Miloud Oukili den Unicef-2000-Preis des Komitees. Dazu hieß es, dass Oukili "außergewöhnliche Erfolge erzielt hat, indem er hunderten von Kindern, die nur Leid und Einsamkeit kannten, ihre Würde zurückgab und ihnen Mut für die Zukunft machte". aus: READERS DIGEST, Juni 2000 |