|
DER LÄUFER (DAVANDEH)
Amir Naderi, Iran 1984, 94 Min., Farbe, Spielfilm
Zum Inhalt:
Amiro
verkauft Eiswasser. Mit einem Zehn-Liter Blecheimer zieht er durch den
Hafen einer iranischen Stadt und preist das "ideale
Erfrischungsgetränk" an. Einen Real verlangt er für einen Becher
Wasser. Zehn bis zwanzig Real muss er für die Eisstange investieren;
für eine Suppe ohne Brot muss er fünf Real bezahlen, genauso viel
kosten auch die gebrauchten Magazine am Zeitungsstand in denen die
Flugzeuge abgebildet sind, die täglich hinausfliegen - hinaus aus der
Armut.
Ein Mann auf einem Fahrrad hält vor Amiros Blecheimer. Amiro füllt ihm
einen Plastikbecher voll Eiswasser und kümmert sich weiter um seine
Kunden. Als er sein Geldstück von dem Mann mit dem Fahrrad haben will,
ist er auf und davon.
Amiro zögert keinen Augenblick. Der Mann hat ihn betrogen. Amiro läuft
dem Fahrradfahrer hinterher. Kreuz und quer durch das Hafenviertel geht
die Verfolgungsjagd, und der magere Junge mit seinen 13 Jahren gibt
nicht auf. Schließlich erwischt er das Fahrrad des Betrügers am
Gepäckträger. Mitten auf einer von Lastwagen befahrenen Straße bringt
er ihn zum Stürzen. Der total erschöpfte Junge streckt die Hand vor
dem Erwachsenen aus: er will sein Geldstück haben. Der Mann bezahlt.
Amiros Augen leuchten. Er hat gesiegt.
Von dem Existenzkampf des kleinen Jungen, der in einer iranischen
Hafenstadt vollkommen auf sich allein gestellt ist, handelt dieser Film.
Nach
oben
Zur Struktur:
Die erste Einstellung: Amiro steht am
Strand und brüllt den riesigen Tankern, die er am Horizont sieht,
undeutliche Worte zu. Ganz wild winkt er den Schiffen mit seinem Hemd.
Und dann beginnt er zu laufen, - ohne Ziel: einfach nur laufen, laufen,
laufen...
Die zweite Einstellung zeigt Amiro, der mit einem Leinensack einen
Schrottplatz nach verwertbaren Dingen durchsucht, die er später bei
einem mürrischen Händler verkaufen wird. Seine Konkurrenten auf der
Müllhalde sind nicht nur Kinder, sondern auch erwachsene Männer und
Frauen.
Später steht Amiro am Hafenbecken und betrachtet einen riesigen Tanker.
Seine Augen glänzen. Zu seinem Freund sagt er: "Wie weiß er ist.
So weiß und so schön." - Auch dem Flugzeug, dem er immer wieder
zuwinkt kann er mit Augen der Glückseligkeit zuflüstern. Ach bist du
schön.
Der sinnliche Gegensatz dieser Bilder in Naderis Film könnte kaum
größer sein. Aber wir ahnen deshalb auch schon am Anfang, wie dieser
Graben zwischen Wunsch und Realität, zwischen Weiß und Schwarz,
zwischen Schönheit und Hässlichkeit kompensiert werden kann: durch
Bewegung, Drang nach vorn: durch Laufen.
Nach dem Durchwühlen von Schrott versucht Amiro sein Glück als
Flaschensammler, das, wie ihm ein Freund versichert, lukrativer sei.
Eine ganze Gruppe von Kindern und Jugendlichen hat sich auf diesen
Broterwerb spezialisiert. Die leeren Flaschen werden von "den
Ausländern" über Bord geschmissen, die Kinder sammeln sie im
seichten Wasser wieder ein und machen sie zu Geld.
Weil Amiro neu ist unter den Flaschensammlern, kommt es zum Streit. Ein
anderer Junge beansprucht Teile von Amiros Leergut, weil er es
"zuerst gesehen" hat. Amiro kann seine gerechtfertigten
Ansprüche nicht durchsetzen. Er muss sich der Macht der Gruppe beugen,
vor der ihn auch sein Freund nicht schützen kann. - Und von dem
Aufkäufer der Flaschen muss sich Amiro dann auch noch zusammenstauchen
lassen, weil er weniger Leergut als die anderen hat: "Du hättest
dir die Flaschen mit Gewalt zurückholen müssen."
Amiro verkauft also Eiswasser. Aber auch hier ist die Konkurrenz hart.
Zwei Männer stehlen ihm die teure Eisstange, die er gerade erst
erstanden hat. Doch der Junge setzt den Dieben nach. Einem kann er ein
Stück Eisstange wieder entreißen. Und weil er der bessere Läufer ist,
kann er sein zurückerobertes Kapital auch in Sicherheit bringen.
Es ist kein Zufall, dass Amiro die Auseinandersetzung mit den
Erwachsenen nicht scheut. Die Spiele mit seinen Altersgenossen bereiten
ihn darauf vor.
Es sind eigenartige Wettkämpfe, die die Kinder da untereinander
veranstalten. Sie treffen sich an dem Bahngleis, machen
Lockerungsübungen wie Spitzensportler und laufen dann auf den Schienen
dem letzten Wagen eines fahrenden Güterzugs hinterher. Wer den Zug
zuerst berührt, ist Sieger.
Der Zugbegleiter kennt das Spiel: Er steht auf der Plattform des letzten
Wagens und feuert die Buben an. Nur derjenige, der über seine eigenen
Grenzen hinausgeht, hat eine Chance den ungleichen Kampf zu gewinnen.
In der letzten Sequenz des Films wird es Amiro sein, der als Sieger aus
einem solchen Wettkampf hervorgeht.
Die Gruppe hat sich für diesen letzten Wettkampf allerdings etwas
besonderen ausgedacht. Er findet auf den "Feuerfeldern" statt,
da wo die Raffinerieanlagen ÖI abfackeln. Ein Eisblock wurde auf ein
zerbeultes Ölfass gelegt. Gewinner ist derjenige, der das in der
sengenden Hitze schmelzende Eis als erster zu fassen bekommt.
Dieses Spiel wird zu einem unerbittlichen Kampf, bei dem alles erlaubt
ist. Die Jungen stoßen sich, treten sich gegenseitig in die Beine und
werfen sich um. Doch keiner gibt auf. Total erschöpft und auf allen
Vieren krabbelnd bewegen sie sich dem Ziel zu.
Als Amiro den dahinschmelzenden Eisblock schließlich als erster in den
Händen hält, befindet er sich im Taumel der Freude. Er reicht den
anderen - Sekunden vorher noch seine erbitterten Gegner - das
erfrischende Eis weiter.
Amiro hat in dieser Schluss - Sequenz des Films nicht nur einen
Wettkampf gewonnen, sondern auch in seinem Leben einen wichtigen
Wendepunkt erreicht: Das Kopfschütteln eines Zeitschriftenverkäufers
zu Beginn des letzten Drittels des Films, darüber, dass er weder lesen
noch schreiben kann, hat Amiro zu denken gegeben. Er hat sich bei einer
Abendschule angemeldet: "Lernen muss ich was!"
Immer wieder sehen wir nun Amiro, wie er der Brandung des Meeres das
mühsam erlernte Alphabet zubrüllt.
Nach dem gewonnen Wettkampf auf dem Feuerfeld, in der letzten
Einstellung des "Läufers", hat Amiro den entscheidenden
Schritt geschafft: Das startende Flugzeug erscheint den Jungen nun nicht
mehr in die Ferne locken zu wollen. Amiro übertönt den Krach der
Flugmotoren mit der Buchstabenreihe des persischen Alphabets. Er wird
sich dem Kampf des Lebens stellen, da wo er ist.
Nach
oben
Didaktische
Hinweise:
Naderis Film hat, was keinesfalls als
negative Wertung zu verstehen ist, einen europäischen / amerikanischen
Einschlag. So fremdländisch die Bilder sind, sie korrespondieren
durchaus mit unseren Sehgewohnheiten. Für den Einsatz des LÄUFERS in
Schulklassen und Jugendgruppen heißt das, dass der Film auch ohne
vorherige Einführung verstanden werden kann. Und weil er seine
Geschichte in Bildern und nicht mit Worten erzählt, kann er auch schon
von Kindern des Grundschulalters verstanden werden, soweit diese in der
Lage sind einem Spielfilm in voller Länge zu folgen.
Selbstverständlich sprechen die Bilder ihre eigene Sprache. Der
Zuschauer wird aber behutsam in diese Sprache hineingeführt.
Naderi verzichtet auf vordergründige Belehrung. Das hat den Vorteil,
dass sich auch jüngere Gruppen, denen die "islamische
Revolution" bislang ein Fremdwort war, der persischen Kultur
unbefangen nähern können.
Der Film zeigt uns das Bild eines Iran, das mit unseren herkömmlichen
Klischees nur wenig zu tun hat. Wir sehen die alten Gegensätze zwischen
Armut und Reichtum, wir begegnen Menschen, denen der Kampf ums nackte
Überleben wichtiger erscheint, als die islamische Revolution. Es mag an
dem Flair der Hafenstadt liegen, in der Amiro lebt, aber hier deutet nur
wenig auf einen Gottesstaat: ausländische Matrosen werden hofiert, die
Macht des Dollars scheint ungebrochen. - Solche Bilder könnten auch in
Erwachsenengruppen eine spannende Diskussion entstehen lassen, indem sie
die nach außen getragene Wirklichkeit als ideologische Versatzstücke
entlarven.
Amiro ist nicht nur Haupt-, sondern von Anfang an auch
Identifikationsfigur. Dass er sich allein durchs Leben schlagen muss,
hat weder etwas typisch iranisches, noch ist es ein Phänomen, mit dem
nur die Entwicklungsländer zu tun haben. Denn verwahrloste, besser
alleingelassene Kinder gibt es überall ...
Geradezu exemplarisch hat Naderi den Gerechtigkeitssinn seines
Protagonisten herausgearbeitet. Auch dies wäre in einem Gespräch über
den Film mit jüngeren Gruppen ein unerschöpfliches Thema, ohne auf die
politischen Umstände des Iran näher eingehen zu müssen: Was ist das
für eine Arroganz der Erwachsenenwelt, mit der sie Kinder immer wieder
unterdrückt?
Ebenso interessant wäre es freilich, die gesellschaftlichen Zustände,
die der Film , zeigt, mit der Gesellschaft hierzulande zu vergleichen.
Wo liegen die Unterschiede was ist ähnlich oder gleich? Um welche
"Werte" geht es in beiden Gesellschaften und wie werden sie
durchgesetzt, beziehungsweise vernachlässigt?
Nach
oben
Über
den Autor und Regisseur Amir Naderi
DER LÄUFER war der erste iranische
Film, der nach dem Ausbruch der islamischen Revolution im Ausland zu
sehen war. Er wurde vom "Institut für Erziehung von Kindern und
Jugendlichen" produziert, und unterlag demzufolge der staatlichen
Zensur. Umso verwunderlicher scheint die gesellschaftspolitische
Brisanz, die in dem Film steckt.
Für den Autor war das Einschreiten der Zensoren allerdings nichts
Neues: Schon unter dem Schah-Regime waren Sie seine Gegner.
Naderis Film ist autobiographisch geprägt. 1945 in der von den
größten Ölraffinerien der Welt umgebenen Hafenstadt Abadan geboren,
wurde er mit fünf Jahren Waise. Er konnte nur wenige Jahre die Schule
besuchen und hat sich autodidaktisch in die Welt des Films, der
Literatur und der Malerei hineingearbeitet. Wie seine Filmfigur Amiro
hat auch der Autor selbst als heranwachsendes Kind Eiswasser verkauft,
Schuhe geputzt und leere Flaschen eingesammelt.
Naderi selbst spricht von impressionistischen Elementen, die ihn und
seine Arbeit prägen. Einer seiner gestalterischen Vorbilder ist van
Gogh. Naderi: "Schaue ich ein Bild aus der Nähe an, so sehe ich
Farbstücke, die aufeinandergetürmt sind, von weitem aber eine Form
bekommen."
Der Einsatz von Impressionismus und Collage-Kunst in seinen Filmen ist
das erklärte Ziel Naderis. Von der Malerei hat er außerdem gelernt,
seine Arbeit nur mit den Elementen des Schauplatzes zu machen. Dazu
gehört unter anderem der Verzicht auf Musik. "Musik", sagt
Naderi, "macht das Bild melodramatisch." Das will er
vermeiden.
Obwohl seine erklärten Vorbilder in Europa beheimatet sind, möchte
sich Naderi nicht als "verwestlicht" abgetan wissen. In seinen
Werken ist er bemüht, einen seiner heimatlichen Kultur entsprechenden
Rahmen zu finden. Naderi: Sollte sich meine Kultur in meinen Filmen in
einer Sprache erklären und darstellen, die ausländische Zuschauer
verstehen, so habe ich gewonnen."
Amir Naderi emigrierte 1986 in die USA.
Bahmann Maghsoudlou bezeichnet Naderi selbst als einen
"beharrlichen Renner". Naderis Figuren seien mit sehr
positiven menschlichen Tugenden ausgestattet: mit Mut, Ehrlichkeit,
Redlichkeit, Beharrlichkeit. Allerdings sei in ihrer harten Welt, wenn
sie betrogen oder ihr Vertrauen missbraucht werde, persönliche Rache
verlangt. Naderi befürworte den Mut, die Kraft jener, die ums
Überleben kämpfen und fähig sind, ihre menschliche und persönliche
Integrität zu erhalten.
Naderi selbst bezeichnet den LÄUFER, im Gegensatz zu seinem früheren
Werk, als seinen ersten Film mit Hoffnung.
Nach
oben
Literaturhinweise:
- Robert M. Richter (Redaktion): Filme
aus dem Iran. Dokumentation. Herausgegeben von Cinelibre, Basel 1991.
- Robert M. Richter: Bildstark und
gleichnishaft. Filme aus dem Iran. In: Zoom 1/1992, s. 11-13
Medienhinweise:
BASHU, DER KLEINE FREMDE (BASHU,
GHARIBEH KOUCHAK)
Bahram Beizai, Iran 1986/89,
120 Min., Farbe, Spielfilm
Verleih: EZEF
WO IST DAS HAUS MEINES FREUNDES (KHANEH-YE-DOOST
KOJAST?)
Abbas Kiarostami, Iran 1987/88,
83 Min., Farbe, Spielfilm
Verleih: EZEF
Gunther Amarell, März 1993
EZEF. Kniebisstr. 29,
70188 Stuttgart, Tel. 0711-9257750, FAX 0711-9257725, e-mail: ezef@geod.geonet.de
Nach
oben
|