Child Folk Singers of Rajasthan
Das Barefoot College
www.barefootcollege.org

Tilonia - der Ort an dem Gandhi lebt
Natürliche Ressourcen - Wasser
Abendschulen und Kinderparlament

 

TILONIA - DER ORT, AN DEM GANDHI LEBT

Tilonia ist ein winziges Dorf mit rund 2000 Einwohnern und liegt 400 Meilen südwestlich von Neu-Delhi mitten in Rajasthan am Rande der Wüste Thar eines von 600000 Dörfern in Indien. Hier entstand im Februar 1971 das "BarfußCollege", ein Lernort oder Entwicklungs-Zentrum, das anders ist als alle anderen Zentren des Lernens und Umlernens: In Tilonia haben wir uns den Fachleuten aus der Stadt verweigert.

Warum? Weil wir im Laufe der Jahre erkannt haben, wie sehr wir die fast grenzenlose Fähigkeit der Dorfleute unterschätzt haben, eigene Probleme zu erkennen und selbst zu lösen. Diese Fähigkeiten wachsen dort, wo sich Menschen aufeinander verlassen können und nicht auf Fremde mit fremdartigen Fähigkeiten angewiesen sind. Eine Welt voller Gier und ohne Mitgefühl, eine materialistische Zivilisation, wirkt wie eine Verhöhnung Gandhi'scher Ideen. Nicht so in Tilonia! Vor fast drei Jahrzehnten haben wir begonnen, die Lehren Gandhis in die Praxis umzusetzen. Anfangs wussten wir allerdings noch nicht, ob unsere eigenen "Experimente mit der Wahrheit" (so der Titel von Gandhis Autobiographie) funktionieren würden. Ging es doch um das Einfache, das so schwer zu machen ist.

Die Ideen und Prinzipien Gandhis über Einfachheit und Entsagung waren von Anfang an unsere Leitschnur für die Praxis. Und sie haben sich über die Jahre bewährt. Wir leben, essen und arbeiten gemeinsam und sitzen oft barfuß auf dem Boden. Wer auf Geld, Ansehen oder Macht aus ist oder mit seinem akademischen Grad protzt, ist im Barefoot College falsch am Platz. Jeder spült sein Geschirr selbst, fegt den Boden und beteiligt sich freiwillig daran, das Zentrum sauber zu halten. Wir bewerten einander nach unseren menschlichen Qualitäten - nur so können Mitgefühl und Menschlichkeit wachsen. Alle sind gleich. Im Barefoot College lebt der Geist von Gandhis Ashram.

Im Zusammenleben mit der Landbevölkerung haben wir gelernt, die Naturkräfte wie Wasser und Sonne zu achten. Gandhi war überzeugt, man dürfe diese Gottesgaben nicht missbrauchen, ausbeuten oder kommerzialisieren. Man solle sie vielmehr nutzen, sie miteinander teilen und gewissermaßen nur für den Eigenbedarf davon nehmen.

Tilonia ist das einzige ländliche Entwicklungszentrum, das - seit 1986 - ausschließlich mit Solarstrom versorgt wird. Fünfzehn kWh liefert die Sonne - genug, um auch in den nächsten 25 Jahren vom öffentlichen Stromnetz unabhängig zu sein; 15 Computer eine Telefonzentrale mit 250 Anschlüssen, E-Mail, 500 Lampen für eine Bücherei, einen Ess-Saal und 100 Haushalte, zentrale Wasserpumpen und Wasserverteilung, ein medizinisches Labor ein Kreißsaal - all das wird mit Solarstrom versorgt; 100 Abendschulen für Hirtenjungen und -mädchen, die vormittags keine Schule besuchen können, werden im Umland von Tilonia mit Solar- statt Kerosinlampen beleuchtet.

Auf über 5.500 m2 Dachfläche sammeln wir Regenwasser das in einen 400.000 Liter fassenden unterirdischen Tank fließt. Diese Zisternen-Methode ist jahrhundertealt und nur für den Ingenieur aus der Stadt eine Neuheit. Seit 1986 sorgt das Barefoot College dafür, dass diese Methode in den Schulen und Gemeindezentren abgelegener Dörfer wieder belebt wird. 1997/98 wurden in 107 Schulen fast 12 Millionen Liter Regenwasser gesammelt; daraufhin gingen in Gebieten mit Brackwasser deutlich mehr Kinder zur Schule - denn eine Schule mit gutem Wasser überzeugt die Eltern. Der Bau des Tilonia-Campus lag in den Händen eines Bauern, der bis heute nicht lesen und schreiben kann. Er hat keine Ahnung, wie man Pläne liest, aber er hat mit billigem Baumaterial und viel Intuition gemeinsam mit Maurern aus den Nachbardörfern den Campus errichtet.

Die Planung des Solarstromnetzes, die Installation und Verkabelung der Module ; die Reparatur und Wartung des gesamten Systems obliegen einem Priester der auch den nahen Tempel betreut. Er hat als Kind kaum schulische Bildung genossen.

Gandhi befürwortete immer dass sich Dörfer bei ihrer Entwicklung vor allem auf das Wissen in den eigenen Reihen stützen; nur wo das nicht reiche, solle man Kenntnisse von außerhalb in Anspruch nehmen. Nach dieser Devise handelt das Barefoot College.

Wir setzen nurTechnologien und Geräte ein, die wir selbst warten und reparieren können und die grundlegenden Bedürfnissen dienen. Darüber wachen die Gemeinschaft und das Barefoot College. Solartechnologie, Pumpen und Computer mögen zwar relativ hoch entwickelte Technologien sein, aber sie erfüllen die Tilonia-Kriterien. Denn einfaches Leben bedingt keineswegs Berührungsängst vor High-Tech.

Gandhi fand, dass hochentwickelte Technologien auch im ländlichen Indien genutzt werden sollten, vorausgesetzt, sie blieben unter der Kontrolle der "Habenichtse". Nur so kann verhindert werden, dass die Landbevölkerung in Abhängigkeit gerät, ausgebeutet wird oder die Arbeitsplätze verliert. Auch das Barefoot College nutzt Technik nachhaltig mit dem Ziel, den Lebensstandard der Armen zu verbessern.

 (aus: The Barefoot Photographers: "Barfuß in die Zukunft", München 2000, mit freundlicher Genehmigung des Verlages Frederking & Thaler)

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