Child Folk Singers of Rajasthan
Das Barefoot College
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Tilonia - der Ort an dem Gandhi lebt
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Abendschulen und Kinderparlament

 

ABENDSCHULEN UND KINDERPARLAMENT

Ganze 60 % der Landkinder besuchen keine staatlichen Tagesschulen: Einmal müssen sie zum Familieneinkommen beitragen - sie hüten Ziegen und Schafe und versorgen die Kühe -, zum anderen liegen die Schulzeiten für sie ungünstig. Zudem hat der Lehrplan der Staatsschulen keinerlei Bezug zu ihrem Alltag, und die Lehrer sind langweilig und träge. Kein Wunder dass alarmierend viele Kinder die Schule vorzeitig abbrechen.

1975 begannen wir mit den Abendschulen. Wir haben sie der Kinder nicht der Lehrer wegen eingerichtet. Der Lehrplan vermittelt den Landkindern mehr Bewusstsein für ihr Dorf und erklärt zum Beispiel, wie ein Postamt, eine Bank, eine Polizeistation, ein Katasteramt funktionieren. Heute, nach über 25 Jahren, gibt es auf über 1300 qkm verteilt mehr als 150Abendschulen mit insgesamt über 3.000 Schülern. In 70 % unserer Abendschulen brennen Solarleuchten statt der üblichen Kerosinlampen.

Damit die Kinder die Bedeutung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erfassen, die Macht des Stimmzettels begreifen und erkennen, wie wichtig es ist, Kandidaten nach ihrer Leistung und nicht nach Kaste, Glauben oder Geschlecht zu wählen, haben wir in den vergangenen fünf Jahren Wahlen abgehalten. Alle 3.000 Kinder wählen ihre Parlamentsmitglieder. Ein Premierminister führt mit seinem Kabinett die Aufsicht über alle 150 Schulen. Die Parlamentsmitglieder müssen unter anderem darauf achten, dass die Lehrer pünktlich erscheinen, alle Schulen ausreichend Lehrmittel haben, genug Trinkwasser für alle da ist und noch mehr Kinder in die Schule aufgenommen werden.

Die amtierende Premierministerin ist 14 Jahre alt. Morgens hütet sie die 14 Ziegen ihrer Familie, abends waltet sie ihres Amtes als Premierministerin. Sie hat die Autorität, irgendeine der ihr unterstellten 150 Schulen aufzusuchen; wenn sie an den Direktor des Barefoot College schreibt und bittet, einen Lehrer zu entlassen, und wenn diese Bitte gerechtfertigt erscheint, wird er gefeuert. Die Sitzungen des Kabinetts sind eine ernsthafte Angelegenheit und werden nicht auf die leichte Schulter genommen.

KINDERPARLAMENT

Die Idee eines Kinderparlaments ist ein wichtiges Element im Lehrplan der Abendschulen. Kinder, die Abendschulen besuchen, lernen eine Menge über politische Systeme und Strukturen, weil sie den Lernprozess tatsächlich durchlaufen. Alle zwei Jahre wählen die älteren Kinder aller 50 Abendschulen im Ajmer Distrikt - die Altersgruppe von 8 bis 14 Jahren - ihre Parlamentsmitglieder für das Kinderparlament.

Die Wahlen für das zweite Kinderparlament fanden vom 27. bis 31. Mai 1995 statt. Ausweise mit den Fotos der Wähler und Kandidaten wurden von eigens eingerichteten Wahlausschüssen vorbereitet. Kandidatenvorschläge wurden eingereicht, entgegengenommen und bearbeitet. Parteisymbole und die gegeneinander antretenden Parteien wurden bestimmt. Zwei Hauptparteien stellten sich schließlich zur Wahl, dazu ein paar unabhängige Kandidaten.

Die beiden Parteien waren die Ujala-Partei (Licht-Partei) und die Gival-Partei (Hirten-Partei). Bis zum 28. herrschte hektische Wahlkampfstimmung. In allen 50 Schulen wurde gleichzeitig gewählt, und in der Nacht des 30. trafen die Wahlurnen in Tilonia ein. Am Morgen des 31. begann endlich das Auszählen der Stimmen. Das Wahlergebnis: Die "Ujala" hatte neun siegreiche Kandidaten, die "Gival" sieben. Auch ein unabhängiger Kandidat war gewählt worden. Ein Mitglied der Ujala-Partei wurde zum Präsidenten bestimmt. Alles in allem wurden also für die zweite Legislaturperiode 17 Kinder ordnungsgemäß zu Parlamentsmitgliedern gewählt.

KINDERFEST (BAL MELA)

"Wir hatten eine Bal Mela. Dieses Jahr haben wir alles genau vorbereitet: Wir wollten zum Fest das Berufsvorbereitungsprogramm an der Abendschule anlaufen lassen. Es gab Maler, Schreiner und Leute, die aus Abfällen Spielzeug machten, eine Töpferei, eine Schmiede, Blockdruck und eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe. Aus dem ganzen Land, sogar aus Bihar, Orissa, Uttar Pradesh, Assam und Arunchal Pradesh hamen die Kinder, und jeden Abend wurde gesungen und getanzt. Am Ende der Mela fragten wir ein paar Kinder, wie sie's fanden. Die Wasserhähne in den Toiletten hatten sie am meisten beeindruckt!"

 -Susan-

POLITIKERBEKENNTNIS

"Ich gehe in die Tagesschule von Shiksha Niketan in Tilonia, in die fünfte Klasse. Das ist mein erstes Jahr im Bal Sansad (im Parlament) und ich freue mich, dass ich mitmachen kann. Ich habe eine Menge gelernt, besonders wie das politische System funktioniert, und ich finde, alle Kinder müssten die Chance haben, im Bal Sansad zu sein, weil es einem wirklich hilft erwachsener zu werden. Für die Wahlen im nächsten Jahr will ich mich nicht aufstellen lassen, weil andere auch eine Chance haben sollen. Ich werde weiter lernen und wahrscheinlich später mal in richtigen staatlichen Wahlen kandidieren. Ich war enttäuscht, dass unsere Partei nicht die Regierung gebildet hat, weil sie in der Minderheit war, aber auch als Opposition haben wir die Regierung gut im Griff und sagen unsere Meinung. Wir arbeiten gut zusammen und helfen einander, wenn's nötig ist. Meine Familie ist sehr stolz auf mich und nimmt mich allmählich ernster; oft fragen sie mich sogar um Rat!"

-Madhu Devi, 10 Jahre - Mitglied der Oppositionspartei-

 

"Ich war letztes Jahr auch im Bal Sansad und wurde Erziehungsminister, aber ich wollte immer Premierminister sein. Weil ich letztes Jahr in die fünfte Klasse gegangen bin und dann mit der Hauptschule fertig gewesen wäre, hätte ich mich nicht mehr zur Wahl aufstellen lassen dürfen; ich hab' deshalb beschlossen, die Klasse zu wiederholen, damit ich Premierminister werden kann. Aber diesesJahr hat es auch nicht geklappt. Egal, jedenfalls habe ich jetzt zwei Ministerien unter mir und versuche, meinen Job so gut wie möglich zu machen. Die Mädchen scheinen .hier die Führung übernommen zu haben. "

-Kanaram, 15 Jahre ~ Minister für Finanzen und Erziehung-

(aus: The Barefoot Photographers: "Barfuß in die Zukunft", München 2000, mit freundlicher Genehmigung des Verlages Frederking & Thaler)

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