Die Mongolei - Im Umbruch der Zeit

Zwischen Moderne und Tradition

Es ist heiß, die Sonne scheint auf die vielen Trödlertische. Der norddeutsche Himmel schenkt dem Hafenfest in Wedel am 15. Juni 2014 bestes Wetter..

Umso träger bewegen sich die Menschenmassen vor mir zur Kulturbühne des Stadtfestes. Die Kamera um meinen Hals dient mir als Pass durch die Zuschauer, bis ganz nach vorne zur Bühne. Und dann sehe ich sie zum ersten Mal auf der Bühne: die "Steppenkids". Sie tragen leuchtende und bunte Kostüme, die fast bis zum Boden reichen. Die Kinder und Jugendlichen der Gruppe aus der Mongolei sind zwischen 12 und 15 Jahren alt und kommen aus dem Kinderheim Happy Kids in der Hauptstadt Ulaanbaatar. Sie sind Teil der 15. KinderKulturKarawane, in der sie Deutschland und Österreich mit ihrer Produktion durchreisen. Ihr Stück ist eine lebendige Mischung aus HipHop und traditionellen Tänzen, Pferdekopfgeige und Kehlkopfgesang.Umso träger bewegen sich die Menschenmassen vor mir zur Kulturbühne des Stadtfestes. Die Kamera um meinen Hals dient mir als Pass durch die Zuschauer, bis ganz nach vorne zur Bühne. Und dann sehe ich sie zum ersten Mal auf der Bühne: die "Steppenkids". Sie tragen leuchtende und bunte Kostüme, die fast bis zum Boden reichen. Die Kinder und Jugendlichen der Gruppe aus der Mongolei sind zwischen 12 und 15 Jahren alt und kommen aus dem Kinderheim Happy Kids in der Hauptstadt Ulaanbaatar. Sie sind Teil der 15. KinderKulturKarawane, in der sie Deutschland und Österreich mit ihrer Produktion durchreisen. Ihr Stück ist eine lebendige Mischung aus HipHop und traditionellen Tänzen, Pferdekopfgeige und Kehlkopfgesang.

Die Klänge der Pferdekopfgeige lassen Bilder von grenzenlos weiter Steppe, kühnen Reitern, die mit ihren Herden und Jurten von Weideplatz zu Weideplatz ziehen, vor dem inneren Auge erscheinen.  

 

Neben den traditionellen Tänzen Bayad und Tavan Rhasag, die die Mädchen anmutig und sanft mit vielen Handbewegungen vorführen, beeindruckt eines die Zuschauer besonders: der Kehlkopfgesang; Oberton und Untertongesang. Die Klänge sind mir so fremd, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie von menschlichen Stimmbändern stammen können. Später frage ich den Jungen, ob er mir zeigen kann, wie er diese Töne hervor bringt. Der Leiter Buyan übersetzt ins Mongolische, denn die Kinder sprechen nur ihre Muttersprache. Sugii, der über meine Begeisterung grinst, ist 15 Jahre alt und meint, dass das jahrelange Übung bräuchte. Er macht es mir noch einmal vor, und ich versuche es nachzumachen, aber es kommt nur ein Krächzen aus meinem Hals. Zudem erfahre ich später, dass der Kehlkopfgesang eine reine Männersache in der Mongolei ist. Als die Kinder umgezogen aus dem Zelt neben der Bühne erscheinen, sind sie abgesehen von ihrem typisch mongolischem leicht dunkleren Teint und den weichen Gesichtszügen und Augenform, nicht von den europäischen Jugendlichen zu unterscheiden. Einer der älteren Jungen zückt sein Smartphone. Was davon ist die Mongolei?  

Pferdekopfgeige und Kehlkopfgesang an der UNESCO-Schule Heimgarten 

Die Mongolei, die fünf Mal größer als Deutschland ist, hat nur 3 Millionen Einwohner. "Zu wenig", lacht Buyan, der Leiter der Gruppe bei seinem Vortrag über die Mongolei beim Besuch in Ahrensburg an der UNESCO-Schule Heimgarten. Dort sehe ich die Gruppe wieder. Mittlerweile ist "Hallo" Bestandteil ihres Wortschatzes, erstaunlich aber wie gut man sich versteht ohne Sprache. Die 5. und 6. Klassen, die nacheinander den Workshop mit den Steppenkids mitmachen, hören aufmerksam zu.

Buyan zeigt ein Bild mit endlos vielen Sanddünen, im Vordergrund ein Kamel - "Im Süden der Mongolei, in der Wüste Gobi kann es im Sommer bis zu 30/40° Celsius haben". Eines der Bilder zeigt eine Nomadin, die ihr Kamel melkt. "Wisst ihr eigentlich, woher eure Milch kommt?", fragt der Leiter die Schulklasse. Zaghaft sagen einige, dass es sich um Kuhmilch handle. "Nein, was ihr im Supermarkt kauft, ist Kamelmilch“. Er lacht, die Kinder sind verwirrt, fangen aber an erleichtert zu schmunzeln, als Buyan den Witz auflöst..

Im Norden der Mongolei kann die Temperatur im Winter wiederrum auf bis zu -40°Celsius fallen. In diesen Gebieten fühlen sich Rentiere wohl. Ihre Halter schlafen selbst nur in Stoffzelten. Das Land ist voller landschaftlicher und klimatischer Extreme. Kaum irgendwo auf der Welt ist die Luft so klar, der Himmel so hoch und das Wasser so rein..

"Als der Himmel die Zeit erschuf, hat er genug davon erschaffen" sagt man in der Mongolei. Der Luxus dieses Landes ist Zeit und Raum. So haben auch die Nomaden keinen privaten Grundbesitz und auch keine Zäune für ihre Tiere, mit denen sie von Ort zu Ort ziehen. Für die Hirtennomaden sind ihre Tiere ihr Reichtum. Was nie fehlt ist die Jurte, ihr traditionelles Zelt aus einem Holzkonstrukt und Filz..

Buyan scheint sehr stolz zu sein, auf das mongolische Imperium um 1300 unter Dschingis Khan. 1279 reichte das Reich des Großkhans, der die mongolischen Stämme zusammenführte, bis nach Europa. Ein Schüler aus der Klasse meldet sich "Das Reich des Dschingis Khan war sogar zwei Mal größer, als das von Alexander dem Großen"..

Die Mongolen lieben Wettbewerbe. Bogenschießen, Reiten, Ringen. Doch vor allem lieben sie ihre Pferde. Buyan erklärt den deutschen Kindern, wie man in der Steppe reiten lernt. Mit 3 oder 4 Jahren sitzt man das erste Mal auf dem Rücken eines Pferdes, unter dem Bauch des Pferds werden die Füße mit einer Schnur zusammen gebunden und nach einer Stunde gegen den Wind reiten, ist der „Reitkurs“ vorbei. "In Deutschland muss man für alles einen Kurs machen, macht ihr auch einen Reitkurs? Sogar Hunde machen hier einen Kurs oder brauchen Scheine". Buyan übersetzt auf mongolisch. Die Kinder lachen, unvorstellbar für die mongolische Gruppe..

Wir erfahren auch etwas über das Kinderheim, in dem die Kinder der Gruppe leben. Kinder von 4-17 Jahren leben hier und werden in Gruppen von etwa 10 Kindern von einem/einer Sozialpädagogen/in betreut. Buyan erklärt den Kindern, die nach den Eltern der Gruppenmitglieder gefragt hatten, dass viele von ihren Eltern getrennt wurden, Waisen sind, die Eltern im Gefängnis, die Familie auseinandergebrochen sei oder die Kinder verstoßen wurden. Mit 18 Jahren können die Kinder in das Jugendheim ziehen und dort sogar eine Ausbildung zum Pfleger, Schuster, Schreiner, Maler oder zur Hostess machen..

Die Schüler sind erstaunt, wie viele Angebote die Kinder bekommen: Musikunterricht, Fußball und Basketball spielen, moderne und traditionelle Musik und Tänze, Basteln, Nachholunterricht, Hausaufgabenbetreuung etc. und ein hauseigenes Sommercamp..

Wieder erklingt der ganze Klassenraum mit den Melodien der Pferdekopfgeige. Sugii und Magrad, die beiden 15-Jährigen, spielen ein traditionelles Lied, zu dem der eine im Obertongesang und der andere im Untertongesang singt. Beide sehen sehr konzentriert dabei aus und nehmen es sehr ernst und genau, als die Schüler der Klasse danach selbst die Pferdekopfgeige bespielen durften.. Morin Khuurrist das traditionelle Instrument der Mongolei. Die Legende besagt, dass ein Mongole sein verstorbenes Pferd so sehr vermisste, dass er aus dessen Kopf, Knochen und Schweifhaaren eine Geige baute. Mal klingt diese wie Galopp oder Trab..

Ein guter Geiger zu denen auch Magrad gehört, der seit 3 Jahren übt, kann seine Geige sogar wiehern lassen.  Für den Reisenden klingt die Musik wie die weite Steppe, wehmütig und melancholisch. Aber unglaublich wohltuend.Ein guter Geiger zu denen auch Magrad gehört, der seit 3 Jahren übt, kann seine Geige sogar wiehern lassen.  Für den Reisenden klingt die Musik wie die weite Steppe, wehmütig und melancholisch. Aber unglaublich wohltuend.

"Das macht voll Spaß, das hat vor allem nur zwei Saiten" Im Gegensatz zu der uns bekannten Geige oder Gitarre nicht von oben, sondern nur von der Seite oder von unten mit den Fingern bespielt. Der Junge setzt sich wieder auf seinen Platz, nach dem er mit Sugii die Pferdekopfgeige ausprobierte.

 

Marie Kristin, Alexandra und Zoé im Gespräch

Die Schüler und Schülerinnen wirken fasziniert von der Kultur der Mongolei und ich frage mich - zwischen Moderne und Tradition - auch in Deutschland? Drei Mädchen Marie Kristin, Alexandra und Zoé der 5b des Gymnasiums am Heimgarten beantworten mir meine Fragen.  

"Was bedeutet es für euch zu sehen, dass die Kultur und Tradition für die Mongolen so einen hohen Stellenwert haben?"
Alexandra überlegt, "Es ist schön etwas über andere Länder zu erfahren. Eine Attraktion sozusagen. Europa und die Mongolei sind sehr anders"

"Hattet ihr davor ein Bild von der Mongolei?"
Marie Kristin: "Davor hatte ich kein Bild von der Mongolei. Jetzt finde ich, dass sie sehr traditionell sind. Und sehr tier- und naturlieb. Ich denke ich interessiere mich jetzt auch mehr für andere Kulturen"

"Fühlt ihr euch mit eurer eigenen Kultur und Tradition so verbunden wie die Mongolen?"
Zoé: "Andere Traditionen sind im Moment interessanter als die eigenen"

"Was ist traditionell in eurem Leben? Und was ist traditionell Deutsch?" 
"Gute Frage".
"Meine Eltern sind polnisch. Viele Kinder haben mehrere Nationalitäten. Ich kann mir unter "traditionell deutsch" wenig vorstellen"     
"Vielleicht Fasching? Oder Weihnachten und Ostern. Ich denke wir essen an Weihnachten immer traditionelles Essen."
"Fußball ist auch traditionell deutsch!"

Auf Buyans Frage an die Klasse, was den Kindern an der Aufführung der Gruppe am besten gefallen hat, beantworteten die Kinder meist mit HipHop. Eine Schülerin faszinierte, "was man mit den Instrumenten alles machen kann".

Die mongolischen Jugendlichen über das Thema Tradition

Die meisten Kinder hier sind sich ihrer Tradition nicht mehr bewusst. Ich möchte herausfinden, woher das Verbundenheitsgefühl mit ihrer Tradition bei den Mongolen kommt. Buyan übersetzt für mich..

 

"Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sind euch zu den europäischen Jugendlichen und dem Leben hier aufgefallen?"

Magrad (15) erklärt, dass die deutschen Kinder einen längeren Schultag hätten und die Kinder und Jugendlichen hier früher ins Bett gingen, In der Mongolei blieben sie länger auf, um noch fern zu sehen oder zu spielen. Zudem hätten die Schüler in der Mongolei nun Anfang Juli schon lange Sommerferien. Er fügt hinzu, dass die meisten Schüler hier eine gute Wohnlage hätten und so bessere Voraussetzungen für gute Leistung wegen dem kürzeren Anreiseweg zur Schule. Die anderen Gruppenmitglieder scheinen schüchtern. Vor allem die Mädchen, zwei von ihnen sind 12 Jahre alt und eine 13 Jahre wirken zurückhaltend und vorsichtig.

Margad dagegen fällt noch mehr ein: Er ist in einer Gastfamilie mit drei Jungen untergebracht. "Wir denken und wollen das Gleiche. Wir spielen dieselben Computerspiele, haben denselben Alltag." Mit Abneigung reagieren alle darauf, dass viele Jugendliche hier rauchen. Vor allem bei den Frauen ist es ihnen ein Dorn im Auge.

"Welchen Stellenwert hat die Tradition für euch?"
"Wir brauchen unsere Tradition. Unsere Sitten, Gebräuche und Traditionen sind fest mit unserer Zivilisation verbunden", so Margad.

Was ist traditionell in eurem Alltag?""
uyan erklärt, dass es bei der Begrüßung anfängt. Man habe Respekt vor Älteren. Duzen von älteren Familienmitgliedern komme zum Beispiel nicht in Frage. "Wir sagen nicht "Du" zu unseren Vätern und Müttern". Auch in dem traditionellen Zelt, der Jurte, sitzen die Frauen nur auf der Ostseite, meist links. Und die Männer nur auf der Westseite, meist rechts, wobei der Hausherr in der Mitte sitzt. "Bei traditionellen Festen tragen wir unsere nationalen Trachten". Die Bunten, die ich schon bei der Aufführung in Wedel gesehen hatte, die langen farbenfrohen Gewänder gleichen..

Mich interessiert noch, ob es auch in der Stadt Kontakte zu Nomaden gibt.
Ja klar!" Buyan ist überrascht, dass ich die Frage stelle. "Jeder hat Familie "draußen" auf dem Land. Sugii hat Großeltern, die Nomaden sind. Er besucht sie jeden Sommer.""

"Und lernt auch wirklich jeder reiten?""
Klar ein Wochenende raus aus der Stadt und aufs Pferd", Buyan lacht..

"Welche westlichen oder modernen Einflüsse gibt es in eurem Leben?" 
ir wird erklärt, dass ihre Traditionen und Sitten fest mit den westlichen Einflüssen verbunden sind. Zudem habe ich über die Tage erfahren, dass die mongolischen Kinder auch Basketball oder Fußball spielen, westliche vor allem amerikanische Musik hören, die Computerspiele und Kleidung dieselbe ist, wie sie die Kinder hier tragen und auch Social Media und Smartphones auch in der Mongolei keine Seltenheit sind..

Die Gruppenmitglieder scheinen sich jedoch trotzdem ihrer Verwurzelung in der Tradition bewusster zu sein, als die Kinder hier..

"Wie sieht es zwischen den Generationen aus, gibt es da große Unterschiede?"  
lle Kinder bejahen überzeugt, grinsend und bestimmt, dass ihre Generation große Unterschiede zu der vorherigen aufweist, also zum Beispiel zu der ihrer Eltern. Größer als die Unterschiede zu deren Eltern, sprich die Großeltern der Kinder. Buyan erzählt mir "Meine Eltern sind mit Pferden zur Schule geritten und trugen nationale Trachten. Heute sind die Kinder von Nomaden im Internet und besitzen Handys""

Die Themen Identität und Kultur haben ein hohes Maß an Aktualität. Was jedoch sind die Gründe für die vermehrte Fokussierung des Themas der kulturellen Identität im Leben einzelner Menschen, in gesellschaftlichen Gruppen, in der Politik, Medien oder auch in der Wissenschaft?

Die Zuwendung zur Kultur als Folge davon, dass kulturelle Gegebenheiten durch die Modernisierung erst seit kurzem einer starken Veränderung ausgesetzt sind. Veränderungen, die die Gesellschaft aufgrund von wirtschaftlichen, kulturellen oder auch technischen Dimensionen der Globalisierung durchläuft. Globalisierung sei kein neuer Prozess, viel mehr hat sich die Intensität des Prozesses erhöht.

Umso schneller die Veränderungen um uns herum von Statten gehen, mit umso mehr Kulturen und Denkweisen wir in unserem Alltag konfrontiert werden, desto mehr fühlen wir uns unserer Herkunft zugehörig.

So haben auch die Kinder der Steppenkids aus Ulaanbaatar vor allem von Verbundenheit gesprochen im Hinblick auf ihre Kultur und Traditionen. So ist die Pferdekopfgeige zum Beispiel ein fester Bestandteil im Alltag und auch bei nationalen Festen werden die traditionellen Trachten getragen. Trotz allem ist der Prozess ein Fortgang, der nicht von Schwarz zu Weiß verläuft, sondern all die Grauabstufungen mitnimmt. Tradition und Kultur sind dynamische Prozesse, die jeden Tag neu gestaltet werden.

Andere Länder, Sitten, Sprachen und Traditionen kennen lernen, verstehen und vielleicht auch lieben lernen. Aber auch vor allem die eigene Kultur und Identität kennen lernen und hinterfragen, wer bin ich eigentlich und woher komme ich? Das passiert beim interkulturellen Austausch - das sagen auch die Schüler!

Meine Reise mit der mongolischen Gruppe "Steppenkids" aus Ulaanbaatar begann mit den fremden Klängen der Pferdekopfgeige und endete damit, dass ich den Bogen selbst in der Hand hielt. Das freie Gefühl in mir aufstieg, das man haben muss, wenn man mit seinem Pferd durch die windige Steppe reitet. Carmen Rohrbach in ihrem Buch "Mongolei - zu Pferd durch das Land der Winde": "Man war schnell daheim in der Wüste, weil alle schwierigen Dinge fehlten. Es gab überhaupt nichts als harten Boden zum Darauf stehen und den Himmel zum Anschauen".

Wage Vermutungen über die Mongolei meinerseits, Begeisterung, Kennen, Lieben und Wert schätzen lernen, Gemeinsamkeiten finden, der feste Entschluss die Gruppe und die Mongolei zu besuchen, herzliche Lächeln auf den Gesichtern der Kinder und Jugendlichen. Ein Abschied der schmerzt. Auch ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Das bedeutet für mich die KinderKulturKarawane. Eine Tür zur Welt, und zu sich selbst.