DER JOHANNISBROTBAUM

Es war die Zeit der Inkas. Die Eingeborenen verehrten die Erde, der sie den Namen Pachamama, was so viel wie „Mutter Erde“ bedeutet, gaben. Sie wendeten sich an sie, um genügend Ernte, Schutz vor Krankheiten und alles was Ursache einer Ungnade der Natur sein könnte, zu erbitten.
Ihr zu Ehren errichteten sie am Wegesrand Altare, die sie “apachetas” nannten. Hier hielt die Indios inne, um sich der Pachamama anzuvertrauen, wenn sie das Vieh auf die Weide trieben. In der apacheta opferten sie der Pachamama Nahrungsmittel, die sie ausreichend zur Verfügung hatten. So waren sie sich sicher, das zu bekommen, um das sie gebeten hatten.                                             

Dann kam die Zeit des großen Überflusses . Die Maisfelder brachten große Ernte und in die Müßigkeit bemächtigte sich dieses fleißigen Volkes. Seine Verpflichtungen vergessend, verließ einer nach dem anderen die Arbeit, um dem Vergnügen und der Erholung nachzugehen. Sie verschwendeten die Nahrungsmittel, die so einfach zu bekommen waren. Aus den Maisähren brannten sie so viel Schnaps, wie niemals zuvor gesehen worden war.
Die überfüllten Speisekammern versorgten sie mit den notwendigen Nahrungsmitteln und keiner dachte daran, dass diese einmal zur Neige gehen könnten.
Es kam die Zeit, in der es unbedingt nötig gewesen wäre, aussäen zu gehen, um anschließend die Ernte einfahren zu können, aber keiner dachte daran.
Inti, der Gott der Sonne, stellte fest, dass das undankbare Volk die Großzügigkeit  der Pachamama vergaß und wollte ihm seine gerechte Strafe erteilen: Die Hitze seiner Strahlen, die er wie Feuerpfeile auf die Erde schickte, ließ die Flüsse und Lagunen austrocknen. Daraus folgte, dass auch die Erde austrocknete, die Pflanzen ihre grünen Blätter verloren, die trockenen Stengel sich verdoppelten und die Stämme und Äste der Bäume wie gekrümmte Arme ohne Leben schienen.
Da es in den Vorratskammern und Töpfen der Eingeborenen immer noch genügend Nahrungsmittel gab, fragten sie sich: „Muss es uns wirklich Sorgen machen, dass die Pflanzen und der Fluss ausgetrocknet sind?“

Aber der Tag kam an dem sie mit Verwunderung feststellen mussten, dass die Kornspeicher leer wurden. Das Essen wurde knapp und Mangel, Not und Hunger traten auf den Plan.Voller Reue beschlossen die Indios, wieder an die Arbeit zu gehen, aber die Strafe von Inti war noch nicht vorüber, und die Erde wurde immer trockener und härter. Es wurde unmöglich, die Geräte, mit  denen die Erde beackert wurde, zu benutzen und damit auch, neue Samen zu säen.
Die Tiere, dürr und kraftlos, starben eines nach dem anderen und es schien unvorstellbar, dass diese verlassenen Weiden einmal großartige Weiden gewesen waren, voll mit Gras und Bäumen oder großen Maisplantagen, die ihre Früchte großzügig dargeboten hatten.

Die Kinder, unschuldige Opfer der Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen, wurden immer schwächer und öffneten ihre Münder nur, um Essen zu bitten.
Die Sonne strahlte unbarmherzig vom Himmel.
Aus einem der Steinhäuser trat Urpila heraus, eine Frau die verzweifelt war, denn ihre Kinder hatten Hunger und Durst. Sie ging zur ersten apacheta die sie finden konnte, um die Mutter Erde um Schutz zu bitten und legte am Altar einen kleinen Maiskuchen nieder, den sie gebacken hatte. Völlig kraftlos  fing sie an, um Vergebung zu beten und versprach, niemals mehr die Großzügigkeit der Pachamama zu beleidigen. Ausgezehrt und ohne Kraft weiterzugehen, setzte sie sich auf den Boden und stützte ihren müden Körper gegen den Stamm eines Baumes, dessen Äste sich ins Unendliche zu winden schienen. So kraftlos war sie, dass es nicht lange dauerte, bis sie tief und fest eingeschlafen war.

Sie hatte einen schönen Traum: Die Pachamama hieß ihre Reue gut, nährte ihre Seele mit Hoffnung und sagte zu ihr: „Verzweifle nicht Frau. Das Leben wird wieder auf die Erde zurückkehren und euch wieder Früchte und Schönheit bringen. Wenn Du aufwachst, dann sammle die Samenkapseln, die Dir dieser Baum schenkt. Deine Kinder und die Kinder anderer Mütter sollen diese essen, damit ihr Hunger und Durst gestillt wird. Deine Demut hat dieses Wunder möglich gemacht.“

Als Urpila aufwachte glaubte sie tot zu sein, aber die Erde sah genauso aus wie vorher. Ihr Traum war eben nur ein Traum. Aber als sie die Augen auf die trockenen Äste des Baumes richtete und dort, wie es ihr die Göttin vorausgesagt hatte, die goldenen Samenkapseln sah, kamen ihr diese wie ein Hoffnungsschimmer in ihrer ganzen Verzweiflung vor. Sie erhob sich schnell und schnitt so viele Früchte ab wie sie nur tragen konnte. Dann rannte sie ins Dorf zurück, erzählte allen von der guten Nachricht und teilte unter allen Kindern die Früchte auf, die ihnen die Pachamama geschenkt hatte.
Die Menschen des Dorfes kehrten ins Leben zurück und achteten von nun an die Mutter Erde und ihren heiligen Baum. Der Baum, der seitdem so verehrt wurde, war ein Johannisbrotbaum. In Trockenzeiten ist er das einzige Nahrungsmittel der Tiere. Das macht ihn so besonders.

Herkunft der Geschichte

Der Johannisbrotbaum ist eine Legende, die aus der Provinz Salta, die im Nordosten von Argentinien liegt, kommt. Eine der Bevölkerungsgruppen, die in diesem Gebiet und in einem Großteil des südamerikanischen Westens lebte, waren die Inkas, deren kulturelle Spuren sich auch heute noch finden lassen. Einer ihrer größten Beiträge ist die Erschaffung der Pachamama, die einen religiösen Charakter hat: zur Erde zu gehören bedeutet diese auch zu respektieren und nicht sie zu dominieren. Wenn wir die Erde schlecht behandeln und ihre Ressourcen maßlos verschwenden, dann wird das gute Verhältnis und das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur bald nicht mehr bestehen und zwar nur durch unsere eigene Verantwortungslosigkeit. Schon heute müssen viele Menschen die Konsequenzen der Unverantwortlichkeit und Maßlosigkeit der anderen ausbaden, die immer nur im Überfluss genommen haben.

Der Spanische Originaltext (mit Comic) steht hier als PDF zum Download bereit.