DIE STEINSUPPE

Szenenfoto aus "Urpila" von "Arena y Esteras"Damals kehrten alle immer an den Ort zurück, den sie einst verlassen hatten. Jeder hatte die Aufgabe zu erzählen, was ihm unterwegs geschehen war. Alles verlief in  geordneten Bahnen, denn man musste sich nur erinnern, was einem erzählt worden war, da es in den Herzen aufgeschrieben war.
So hörten wir dir Geschichte von Urpila, als ob sie gestern passiert wäre, und  beim Zuhören fühlten wir uns, als ob alles, was geschehen war, ein einziger böser Albtraum gewesen war.
Unsere lebendige Erinnerung an Geschichten von der Pachamama, von Supay, von Cocha, von all unseren Göttern und Vorfahren und von Urpila zeigte uns, dass wir zur Arbeit gehen müssen, aber später auch feiern sollten; um dankbar zu sein, dass wir lebendig sind. Dafür sollten wir den besten Baum aussuchen, ein Gebet sprechen und ihm Geschenke bringen und tanzen, damit das nächste Jahr für alle fruchtbar wird.

Als wir den Ort verließen an dem uns Urpila ihre Geschichte erzählt hatte, sahen wir einen Strom von Menschen, alle kehrten in ihre Häuser zurück, wir sahen Wiedersehen von Freunden, Familien, Geschwistern. Immer wieder kamen und gingen Menschen, und inmitten dieses Lärms und Trubels merkte man, wie der Geruch von Brot die Mehrheit der Menschen fast verstummen ließ, weil dies ein gutes Essen  versprach, das kaum erwartet werden konnte. 
Die Nacht brach an und die Kinder hörten viele Geschichten von Urpila, während die Frauen den Teig aus Mais vorbereiteten. Urpila erzählte uns von der Erde, von den Hügeln, von den Flüssen und unseren Tieren und von jedem Stein auf unserem Weg. Ihnen hatten wir vergessen zuzuhören und auf sie achtzugeben, deswegen war alles in Unordnung geraten, unsere Herzen, unsere Familien, unser Land und unsere Gesellschaft.
Urpila sagte uns, dass es unnütz wäre, ohne Freude zu arbeiten und dass fröhlich zu sein bedeute, in der Gesellschaft zu bleiben. Und in der Gesellschaft zu bleiben  wiederrum bedeute, die Erde mit allen und für alle zu bearbeiten. Doch die Bauern beachteten die Ratschläge von Urpila nicht, sie vergaßen mit der Mutter Erde zu reden und so kam es, dass alles sich zum Schlechten veränderte. Die Maiskolben verdorrten, der Fluss trocknete aus und der Hunger kam so heftig über das Land, dass viele es verließen.

Es war einmal vor langer langer Zeit ein Land, in dem ein grausamer Krieg herrschte. Wie man weiß, bringt Krieg immer auch Groll, Neid, Probleme, Tote und viel Hunger mit sich. Die Menschen konnten weder etwas aussäen noch etwas ernten und es gab weder Mehl noch Brot. Als in diesem Land der Krieg zuende gegangen und alles zerstört worden war, kam ein Soldat, der in Lumpen gehüllt, erschöpft und fast verhungert war, in ein kleines Dorf. Er war sehr groß und dünn. Hungrig ging er zum erstbesten Haus das er finden konnte, klopfte an die Tür und als er die Hausherrin sah, sprach er:
„Gute Frau, haben sie nicht ein Stück Brot für einen Soldaten, der halbverhungert aus dem Krieg kommt?“
Die Frau musterte ihn von oben bis unten und sagte: “Bist du verrückt? Weißt du nicht, dass es kein Brot mehr gibt, dass wir nichts mehr haben? Wie kannst du es wagen!“ Und sie jagte ihn mit Beschimpfungen und Schlägen davon.
Armer Soldat. Er versuchte sein Glück in anderen Häusern und brachte die gleiche Bitte vor, aber er erhielt nur noch schlimmere Antworten und wurde noch schlimmer behandelt.

Der Soldat, der schon fast einer Ohnmacht nahe war, gab sich aber nicht geschlagen. Er ging durchs Dorf und kam an den großen Waschplatz. Dort waren einige Mädchen und er sagte zu ihnen: „Ihr Hübschen, habt ihr jemals meine Steinsuppe probiert?“ Die Mädchen lachten ihn aus: „Eine Steinsuppe? Du bist wirklich verrückt.“
Aber einige Kinder hatten heimlich zugehört und näherten sich dem Soldaten, als er enttäuscht von dannen zog. „Können wir dir helfen, Soldat?“ fragten sie. „Natürlich. Ich brauche einen großen Topf, einen Steinhaufen, Wasser und Brennholz um Feuer machen zu können.“
Die Kinder liefen schnell und holten, um was sie der Soldat gebeten hatte. Sie zündeten das Feuer an, stellten den Topf darauf, füllten ihn mit Wasser und warfen die Steine hinein. Das Wasser begann zu kochen. „Können wir die Suppe probieren?“ fragten die Kinder voller Ungeduld. „Nur die Ruhe, nur die Ruhe.“ Der Soldat probierte die Suppe und sagte: „Schon ziemlich gut, aber ihr fehlt noch ein wenig Salz.“ „Wir haben Salz zuhause“,  sagte ein Kind und rannte nach Hause um es zu holen. Das Kind brachte dem Soldaten das Salz und dieser warf es in den Topf.
Kurz darauf probierte der Soldat erneut und sagte: „Wie lecker! Aber es fehlt noch ein wenig Tomate.“ Und ein Kind, das auf den Namen Luis hörte, rannte nach Hause um Tomaten zu holen und brachte sie dem Soldaten. Und kurz darauf brachten die Kinder noch andere Dinge: Kartoffeln, Salat, Reis und sogar ein Stück Hühnerfleisch.
Der Topf füllte sich und der Soldat rührte einige Male um. Er probierte erneut und sagte: „Sagt allen, dass sie essen kommen sollen. Es ist genug für alle da. Sie sollen Teller und Löffel mitbringen!“
Er teilte die Suppe aus. Es gab für alle Dorfbewohner ausreichend. Diese mussten beschämt feststellen, dass es möglich war, auch wenn sie kein Brot hatten, gemeinsam etwas zu kochen, das für alle genügte. Und seit diesem Tag begannen sie das zu teilen, was sie hatten. Dank eines hungrigen Soldaten.

Herkunft der Geschichte

Von überall und nirgendwo. Diese Legende, deren Verfasser nicht bekannt ist, ist ein Beispiel dafür, dass dieselben Geschichten unvermutet auch in anderen Kulturen anzutreffen sind. So ist die Legende der "Steinsuppe auch in Almeirim (Portugal), Skandinavien, im Osten von Europa und in Brasilien bekannt...In vielen Varianten, aber immer vor dem Hintergrund der Armut, die alle Gesellschaften kennen, erzählt uns diese Legende von der wunderbaren Fähigkeit die Menschen besitzen: aus Nichts etwas Schönes und Gutes zu erschaffen, indem man einfach die Hilfe und Solidarität der Mitmenschen als Waffe einsetzt. Diese Legende war und ist an vielen Orten der Welt Realität. In Peru hat der "gemeinsame Eintopf" der von verschiedenen Frauenverbänden organisiert wurde, ganze Dörfer vor dem Verhungern bewahrt.

Der Spanische Originaltext (mit Comic) steht hier als PDF zum Download bereit.