BITTER ORANG

Frederico Füllgraf, Brasilien 1997
34 Min., Video, Farbe und s/w, Dokumentarfilm

EZEF Arbeitshilfe Nr.125

Inhalt
Kommentar

Didaktische Hinweise

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Inhalt:

Der Film beleuchtet ein alltägliches Konsumgut unserer Gesellschaft von einer weithin unbekannten Perspektive her. Es ist wenig bekannt, dass fast 90% des Orangensaftes (incl. Orangensaftgetränke), den wir hier in Deutschland trinken, aus Brasilien (aus dem Bundesstaat São Paulo) stammt, und es ist noch weniger im Bewusstsein, dass mit der Erzeugung dieses Orangensaftes eine Reihe sozialer Probleme in Brasilien verbunden sind, zu denen unter anderem der Einsatz von Kindern als Erntearbeiter gehört.
Die Kamera begleitet zunächst Menschen, die als Pflücker bei der Orangenernte eingesetzt werden. Frühmorgens machen sie sich auf den Weg, werden von Bussen oder Kleintransportern zu den Plantagen gebracht. Die Betrachter erkennen, dass auch Kinder und Heranwachsende dabei sind. Ihre Arbeit besteht darin, Orangen zu pflücken, die Tragekörbe mit den Früchten zu füllen und diese zu den Sammelplätzen zu schleppen. 20 kg bis 25 kg schwer sind diese Behälter, eine Arbeit die in die Knochen geht. Umgerechnet 30 Pfennige pro Kiste Orangen (gut 40 kg) werden gezahlt; nach 10 Stunden Maloche, wenn 75 Kisten - mehr als 3 Tonnen - gepflückt sind, macht dies einen Tagesverdienst von ca. 22 DM aus.
Die Folgen der Kinderarbeit resultieren nicht nur aus dem körperlichen Verschleiß. Vor allem die Abwesenheit von der Schule bedeutet eine langfristige Verschlechterung der Zukunftsperspektiven dieser "Orangenkinder". Eine Lehrerin erzählt, wie die Schule versucht, die Abwesenheit der Kinder zur Erntezeit nicht einfach hinzunehmen, sondern die Bedeutung der Schule klarzumachen. Doch wie soll man zum Schulbesuch anhalten, wenn das tägliche Brot wichtiger ist, fragt eine Mutter.
Im Orangensaft steckt offensichtlich noch mehr als einfach nur Sonne, wie die Werbung (Werbespots für Valensina und für Hohes C werden eingeblendet) behauptet. Der 14jährige Kiko erzählt, dass er die Erntearbeit in den Orangenhainen seit seinem 10. Lebensjahr verrichtet. Ebenso wie andere Heranwachsende zehrt ihn diese Arbeit aus, macht ihn müde und unfähig, beispielsweise am Wochenende noch etwas zu unternehmen. Langfristige Folge dieser Arbeit sind Schädigungen der Wirbelsäule, aber auch Hauterkrankungen, die aus dem permanenten Kontakt mit gespritzten Zitrusfrüchten resultieren.
Bedrückt sind die Pflücker - welchen Alters auch immer - aber vor allem durch die Neuorganisation der Arbeit, die seit 1995/96 durchgesetzt wurde. Während sie früher als Festangestellte der brasilianischen Fruchtsaftindustrie eine gewisse soziale Absicherung hatten und auch über zusätzliche Vergütungen (13. Monatsgehalt, Urlaubsgeld u.a.) verfügten, sind sie heute "freie Mitarbeiter" von sogenannten Genossenschaften, die Leute, je nach Bedarf für die Erntearbeit, im Auftrag der Plantagenbesitzer rekrutieren. Wenn es regnet, wenn jemand krank ist oder wenn der LKW ausfällt, gibt es eben nichts. Die berechtigte Verärgerung über die deutliche soziale Verschlechterung wird in verschiedenen Interviews (überwiegend schwarz/weiß gefilmt) deutlich.
Die Zwänge der brasilianischen Unternehmer zur Kostensenkung, die durch das Auslagern der Erntearbeit erreicht werden soll, resultieren indes aus dem Weltmarkt. Ein tendenzielles Überangebot und die mangelnde Preiselastizität des Produktes (die VerbraucherInnen hier sind kaum bereit, beim Orangensaft mehr als DM 1,80 /Liter auf den Tisch zu legen) drosseln die erzielbaren Preise und machen so Pflücker und mittelständische Plantagenbesitzer gleichzeitig zu den Verlierern der ökonomischen Prozesse.
Auf der anderen Seite beteuert aber die brasilianische Fruchtsaftindustrie, die sich im Verband "Abecitrus" formiert hat, soziale Mindeststandards einzuhalten und gegen Kinderarbeit vorzugehen. Weder im eigenen Bereich (Pressereien, Weiterverarbeitung der Früchte) noch bei den zuliefernden Pflanzern werde Kinderarbeit geduldet. Abecitrus habe sich verpflichtet, nur von solchen Zulieferern Orangen anzukaufen, die eine Beschäftigung von Kindern ausschließen.
Da gleichzeitig auch das brasilianische Gesetz die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren ausschließt, dürfte es das Problem "Kinderarbeit im Orangensektor Brasiliens" eigentlich nicht geben. Der deutsche Unternehmer Horst Happel bestreitet in einem weiteren Interview daher auch, dass Kinder bei der Orangenernte als Arbeiter eingesetzt werden und stellt stattdessen heraus, dass seine Firma eine Schule eingerichtet hat, die von den Kindern der Pflücker besucht wird.
Selbstverpflichtung der Industrie plus eindeutige Gesetzeslage - da bleibt am Ende nur die Frage nach der Kontrolle dieser Vorgaben. Die Filmdokumente und die Aussagen von Vertretern der Landarbeitergewerkschaften belegen, dass Kinderarbeit existiert. Ein junger Staatsanwalt aus Itapolis wirft der Fruchtsaftindustrie vor, nicht ernsthaft an der Abschaffung der Kinderarbeit interessiert zu sein. Die Delegation der Erntearbeit an die Pflanzer und deren Abschieben der Verantwortung auf die "Kooperativen", die mit der Durchführung dieser Arbeit beauftragt werden, hat die Probleme verlagert, nicht gelöst.
Dass trotz ökonomischer Zwänge Alternativen machbar sind, will der Film an einem Beispiel zeigen. Barro Preto heißt ein Zusammenschluss kleinerer Produzenten in Santa Isabel do Ivaí (im Bundesstaat Paraná), wo akzeptablere soziale Bedingungen für die dort Beschäftigten realisiert werden: Ganzjährige Beschäftigung, festes Angestelltenverhältnis, bessere Löhne und der Ausschluss von Kinderarbeit. Die Erklärung hierfür lautet: Barro Preto verkauft ausschließlich für den brasilianischen Binnenmarkt; dort lassen sich höhere Preise erzielen. Allerdings: Auch auf dem Binnenmarkt nimmt das Überangebot und die Konkurrenz zu; ob Barro Preto langfristig mit diesem Modell überleben kann, ist fraglich. Auffällig bleibt, dass die Gewinnspannen offensichtlich im Binnengeschäft deutlich höher sind als im (weitaus größeren) Exportsektor. So bleibt am Ende nur die Hoffnung, dass auch im Exportsektor soziale Belange stärker zum Tragen kommen. Gewerkschaftler und Engagierte aus der Justizbehörde plädieren für ein Bündnis zugunsten der Menschenrechte, das auch die VerbraucherInnen in Übersee als Verbündete miteinbezieht - zur "Sensibilisierung der Industrie". Und für Koko bleibt der Traum von einem Leben jenseits der Orangenarbeit - oder dass er zumindest wieder die Schule besuchen kann, weil seine älteren Brüder genug Geld verdienen.

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Kommentar:

Der Film des Deutschbrasilianers Frederico Füllgraf dokumentiert das Thema "Kinderarbeit und Orangensaft" aus der brasilianischen Perspektive; das bedeutet, dass jene Fragestellungen und Probleme im Mittelpunkt stehen, die sich dort für die unmittelbar Beteiligten ergeben:

  • Ein enormer Kostendruck durch niedrige Weltmarktpreise für Produzenten und Beschäftige gleichermaßen;
  • Die zum Zwecke der Kostensenkung eingeleitete Auslagerung ("outsourcing") der Erntearbeit aus der Verantwortung der Industrie hin zu Subunternehmen ("Genossenschaften") mit geringen sozialen Standards;
  • Die mangelhafte Durchsetzung eindeutiger brasilianischer gesetzlicher Vorgaben (Verbot der Kinderarbeit) und einer entsprechenden Selbstverpflichtung der Industrie;
  • Die Kollision der beobachteten Kinderarbeit mit der Notwendigkeit eines geregelten Schulbesuches.

Weder thematisiert der Film, warum Kinderarbeit im brasilianischen Orangensektor für uns hier (für unsere SchülerInnen) einen verbindlichen Stellenwert haben müsste, noch mit welchen Bezugspunkten Brücken zur Lebenswelt der Jugendlichen hier zu schlagen wären. In diesem Sinne hat der Film keine didaktische, sondern eine problembezogene Perspektive.
Auch die Situation auf dem deutschen Markt für Fruchtsäfte wird nicht in die Betrachtungen miteinbezogen. Leider transportiert der Film relativ viele Informationen über gesprochene Texte. Interviews, die zudem noch von ein und derselben Person synchronisiert werden, und rasch gesprochene Kommentare stellen einige Anforderungen an Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit der ZuschauerInnen, zumal weil sie etliche Zahlenangaben enthalten.
Dies hat Konsequenzen für die möglichen Zielgruppen des Films (eher ab Klasse 10 / Oberstufe) und für seine Einsatzmöglichkeiten; es liegt nahe, den Film weniger als Erstinformation denn als unterstützendes Medium zur Vertiefung bereits besprochener Zusammenhänge einzusetzen.

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Didaktische Hinweise:

Eine Beschäftigung mit dem Thema "Kinderarbeit und Orangensaft" steht vor einer doppelten didaktischen Herausforderung: Sie muss zum einen deutlich zu machen versuchen, warum uns dieses Thema etwas angeht, ohne dabei mit moralisierenden Schuldgefühlen die Abwehr der ZuschauerInnen auszulösen, und sie muss zum anderen eine Perspektive für veränderndes Handeln zumindest andeuten, damit am Ende nicht nur Resignation und Ohnmachtgefühle zurückbleiben.
"Eingängig" wird das Thema wohl nur, wenn wir ökonomische, soziale und emotionale Bezüge zu uns selbst herstellen können. Dabei sind vielleicht die folgenden Bezugspunkte nützlich:

  • Wie sind die eigenen Erfahrungen mit Kinderarbeit? Was unterscheidet das Jobben bei uns von der gezeigten Maloche in den Orangenhainen? In den Befragungen der Orangenkinder kommt zum Ausdruck, dass sie für die Existenzbedürfnisse ihrer Familien arbeiten, nicht für die eigenen Luxusbedürfnisse, wie dies bei Kinderarbeitern in Deutschland weitgehend der Fall ist.
  • Arbeit ist besser als Schule oder als auf der Straße herumzulungern, wird gesagt. Was ist trotz der damit verbundenen Strapazen an Kinderarbeit "attraktiv", wird von den Kindern/Heranwachsenden gegenüber einem Schulbesuch als "besser" angesehen?
  • Warum arbeiten die Kinder im brasilianischen Orangensektor? Einzelne Interviews deuten auf die soziale Not der betroffenen Familien hin. Doch welche Folgen für arbeitslose Erwachsene resultieren aus der Beschäftigung der Kinder?
  • 30 Pfennige für das Pflücken von einer Kiste (40 kg) Orangen. Was kostet ein kg Orangen (ein halber Liter Orangensaft) bei uns im Supermarkt? Wie viel kann man sich für den Tagesverdienst von rund DM 22,-- an Lebensmitteln zur Versorgung einer Familie kaufen, wenn die Preise weitgehend mit dem Niveau bei uns vergleichbar sind (ausprobieren!)? Welche Möglichkeiten werden gesehen, von hier aus Einfluss zu nehmen in Richtung auf eine Beendigung der Kinderarbeit? Welche Erfolgsaussichten werden dem im Film geforderten "Bündnis" mit den kritischen Verbrauchern eingeräumt? Warum kann Kinderarbeit nicht einfach verboten werden?
  • Welche Verantwortung für die Kinderarbeit im Orangensektor Brasiliens sind die deutschen Orangensaftimporteure/ -produzenten bereit zu übernehmen? Fragen Sie bei den entsprechenden Firmen (Stute, Dittmeyer, Wesergold, Krings, Emig, Eckes-Granini u.a.) nach. Die Adressen finden Sie in der Broschüre "Kinderarbeit und Orangensaft".
  • Fairer Handel ohne Kinderarbeit. Es existieren Überlegungen internationaler "fairer Handelsorganisationen" (FLO) , einen Orangensaft zu importieren, der unter faireren sozialen Bedingungen - ohne Kinderarbeit - produziert wird. Sind VerbraucherInnen unter solchen Umständen bereit, DM 3,-- für einen Liter O-Saft zu zahlen?

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Hinweise auf Materialien:

  • Dritte Welt Haus Bielefeld / Brot für die Welt / Deutsche Welthungerhilfe / Kindernothilfe / Unicef: Broschüre: Kinderarbeit und Orangensaft.

  • Wir importieren Kinderarbeit aus Brasilien. Unterrichtsmaterialien, 48 S., Bielefeld 1995,

  • Dritte Welt Haus u.a. Hintergrundinformationen zum Thema und didaktische Vorschläge für eine Umsetzung des Themas im Unterricht der Klassen 6 - 12.

  • B. Pilz: Zum Beispiel Orangen. Ca. 100 S., Lamuv-Verlag, Göttingen (Sommer) 1997. Preis: ca. DM 12,--. Bezug: Buchhandel.
    Zusammenfassende Grundinformationen zum Thema, geeignet zur schnellen Orientierung.

  • Dritte Welt Haus Bielefeld: Diaserie Kinderarbeit und Orangensaft,
    30 Farbdias plus Textheft, Bielefeld 1995, Kaufpreis: DM 75,--; Ausleihe: DM 20,-- /14 Tage,
    Bezug: Dritte Welt Haus.
    Bilder zur Kinderarbeit in Brasilien und zum deutschen Fruchtsaftmarkt, die zur Illustrierung der Zusammenhänge herangezogen werden können.

Adressen:

Arbeitskreis Kinderarbeit und Orangensaft
Kontakt:
Herr R. Meyer, Beethovenstr. 40, 73660 Urbach, ( 07181/83036)
Dem Arbeitskreis gehören verschiedene entwicklungspolitische Organisationen an. Er hat zum Thema "Kinderarbeit im Orangensektor Brasiliens" diverse Studien in Auftrag gegeben.

FLO - FairTrade labelling organisations international
Hinter der Burg 27, 73614 Schorndorf, ( 07181/929822)
Internationaler Zusammenschluss "fairer" Handelsorganisationen, die den Import eines "fairen Orangensaftes" aus Brasilien in die Wege leiten möchten.

Dritte Welt Haus Bielefeld
August-Bebel-Str. 62, 33602 Bielefeld, ( 0521/62802
Bezug der Unterrichtsmaterialien und der Diaserie.

Brot für die Welt
Stafflenbergstr. 76, 70184 Stuttgart

Georg Krämer, Mai 1997

EZEF. Kniebisstr. 29, 70188 Stuttgart,
Tel. 0711-9257750, FAX 0711-9257725,
e-mail: info@ezef.de

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